Was mein Kind mich täglich lehrt: Peace!

Eine Scheibe, die ich mir die letzten Monate versucht habe, von meinem Kind abzuschneiden, heißt Frieden. Kinder sind normalerweise von Natur aus der Frieden in Person. Sie sind völlig offen und unvoreingenommen, sie pöbeln, fluchen und zanken nicht. Dazu muss ich vielleicht sagen – mein Kind ist dreieinhalb… Und ich meine jetzt auch nicht das Gezanke zwischen Geschwistern, wenn der eine dem anderen das Auto wegnimmt. Dass man traurig ist, wütend und auch mal Frust ablassen muss, gehört ja dazu. Aber die Art und Weise, wie das passiert, “lernen” Kinder oft schon ganz früh von uns, den Erwachsenen, ihrer Umgebung. Denn in Wirklichkeit sind wir es oft, die Kinder zum verzweifeln bringen, zum weinen, zum schimpfen.

Wenn wir raus gehen und etwas erledigen müssen, möchte Manou gern an jeder Ecke stehen bleiben, von Stufen und Bordsteinkanten hüpfen, Dinge aufheben und sammeln, in Schaufenster schauen, Tiere beobachten usw. Als sie ein Baby war, habe ich mir in diesem Punkt noch unglaublich viel Mühe gegeben. Doch in letzter Zeit bin ich es, die gern weiter will und drängt und sorge damit oft für Enttäuschung. Oder wenn das Essen schnell gehen soll, weil ich Hunger habe, dann schneide ich das Gemüse eben selbst, damit wir nicht noch zwei Stunden darauf warten müssen.

Wie oft wollen Kinder uns wirklich, ernsthaft, etwas zeigen oder geben, unsere ehrliche Aufmerksamkeit oder Zuneigung. Und wie oft setzen wir doch wieder eine Piepsstimme auf und sind in Gedanken schon wieder ganz woanders. Das alles führt zu Unausgeglichenheit, Wut und schlechter Laune bei den kleinen Menschen – und zu Ärger und Stress bei uns selbst. Wissen wir doch eigentlich! Dabei ist es oft nicht immer der große Krach. Es sind vielmehr die alltäglichen, kleinen Momente. Wie oft hört man Kinder wirklich aus dem Bauch heraus lachen, wie oft hört man gar nichts oder weinen?

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Mit sich selbst im reinen sein

Als wir vor zwei Monaten in unserem Ashram in Indien gelandet sind, war das mein höchster Anspruch, Frieden. Hier, an diesem Ort, soll für uns als Familie einmal komplett peace und Ruhe sein, keiner soll wütend werden, ausrasten, rumschreien, heulen oder Krach machen. Mittlerweile sehe ich das übrigens anders. Mir ist es nicht mehr peinlich. Solche Gefühle zu unterdrücken, macht ja viel mehr Schwierigkeiten und führt viel schneller zu Problemen, als sie manchmal, wenn es sein muss, rauszuheulen oder zu schreien. Okay. Ich meine übrigens das Kind! Und die Eltern. Das elterliche Kind und das Kind in den Eltern.

Was ist denn überhaupt Frieden, wie geht das? Ich habe im Ashram gelernt, ganz bei mir selbst zu sein. Zu atmen, ruhig zu sein, im Jetzt, im Moment. Wenn ich mich wirklich darauf konzentriere, Frieden walten zu lassen, dann bringt mich das ganz zu mir selbst. Ich schreie nicht mehr rum. Ich beharre nicht auf meiner Meinung. Ich versuche, wirklich offen und intelligent zu sein. Damit meine ich, dass ich mir klar mache, dass ich erwachsen bin. Mein Kind ist noch nicht erwachsen! Und gerade deswegen möchte ich mich nicht über es stellen, es diktieren, platt machen, mit meiner Meinung, meinen Ansagen, meinem ganzen Wesen. Das ist echt hart, am Anfang war das richtig schwer. Nicht, weil ich immer so bin oder war, sondern weil es manchmal so ist! Ja, manchmal, das reicht schon. Aber mittlerweile hat sich einiges geändert. Manou ist irgendwie anders geworden, ich bin ganz anders geworden. Und es ist viel besser als vorher.

Warum ich Kommunen gut finde

Ich weiß eigentlich gar nicht, wer sich die letzten Wochen um unser Kind gekümmert hat. Wir waren immer zusammen, immer da, doch Manou hat viel mehr als sonst ein richtiges Eigenleben geführt. Um uns herum waren immer viele Menschen. Im Ashram gab es eine ganze Belegschaft: Jag Dish, der Koch, Babu, der andere Koch, die alte Frau Nanu, der Guru bzw. “König” (so haben wir ihn vor Manou immer genannt), die Volunteers, die Retreatgäste aus Deutschland, der Feuertänzer Dungababa, Ramuji, der Gärtner, Jogesh, der Gefährdte vom König, … Manou hat sich eingelebt und für sie waren die Menschen wie eine große Familie. Später sind wir weiter nach Pushkar gereist und haben eine Woche in einem Hippihotel am See verbracht. Die Menschen dort waren wie wir, Traveller, von überall her und auf der Suche nach Peace, Love und Connection, zu sich und dem Universum. Manou hat ihre eigenen Verbindungen zu den Menschen geknüpft, schnell, manchmal ohne dass ich es bemerkte. Um Manou haben sich alle gekümmert, unbewusst. Ich war da, aber alle anderen auch. Jeder hat sich um jeden gekümmert, um sich selbst, um die anderen, wir waren Teil davon, Manou war ein Teil.

12938179_10206144878802617_5197479568424183116_nbPushkar, Indien

Peacemaker sein

Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre alles ganz einfach, klar. Frieden überall, everywhere, so dass jeder chillen kann. Warum geht das nicht? Für jeden ist es etwas anderes, das böse. Geld, Macht, Gier, Reichtum, Ungleichheit, Kapitalismus, Stress, Hektik, Angst, das System, die Politik, Banken, Sorgen, Druck von außen usw. Unser Indienaufenthalt hat irgendwas in mir verändert und macht mich gerade sehr frei. Natürlich, Freiheit ist eine Illusion! Aber wenn man mal versuchst, die ganzen Schichten, die auf einem lagern, abzuschälen wie die Haut von einer Zwiebel, entdeckt man unglaubliches. Bei mir ist es zummindest so. Es hat irgendwann angefangen und ich stecke mittendrin, in einem aufwühlenden Prozess. Doch ich bin gerade nicht mehr so emotional, so euphorisch, so überschwelgend. Ich fühle gerade echten Frieden, echte Ruhe. Und Manou war der Auslöser dafür.

Auch wenn es nicht immer klappt: Manou ist mein Buddha. Manou lehr mich die wirklich wichtigen Dinge im Leben! Und alle Kinder könnten das. Und Manou flucht übrigens auch ziemlich viel, wenn sie will. Sie sagt dann: “Mama, da kommt ein Krankenwagen, hörst du das? Da ist irgendetwas passiert, irgendwas schlimmes! Scheiße!”. Oder sie lässt mich nicht ausreden, fährt mir über den Mund und trampelt wild mit den Füßen, weil sie irgendetwas will und nicht versteht, was ich ihr sagen möchte. Aber gerade habe ich eine Phase, in der mich das nicht mehr erschüttert, ja, mir ist es irgendwie egal. Ich will einfach meine Ruhe, ich will Peace und ich weiß, dass Manou Peace ist. Sie ist einfach nur. Deshalb lasse ich sie. Sein. Und gerade ist das ein guter Weg für uns.

P1040297Sonnenuntergang am Mekong River, Vientiane, Laos

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