Mama, warum haben wir damals nichts gemacht? – Blogger für Flüchtlinge

Blogger für Flüchtlinge.

“Davon haben wir nichts gewusst” – Nach 1945 wurde das zum meisten Satz der Deutschen. (Deutschlandradio Kultur)

Du und ich, wir alle sehen, lesen und hören es. Seit Monaten. Von den Flüchtlingen. Sie sprengen in Scharen die Grenzen zu Europa. Schiffe versinken im Mittelmeer, Menschen sterben und werden abgeschoben. Menschen sind auf der Flucht. Gejagt. Getrieben. Gehetzt. Gestresst. Traumatisiert. Ohne Mittel, ohne Geld, ohne Essen. Durchnässt und erschöpft. Müde und kraftlos. Und wir, Europa, der Westen, ja wir, die wir gerade in unserer Wohnküche vor dem Laptop sitzen, vielleicht Cappucchinoschlückchen schlürfen und gemütlich in den verregneten Sommer gleiten, sind das Ziel, die Hoffnung all derer – (nicht mal) auf der Suche nach einem besseren Leben, sondern einfach nach einer Zuflucht. Ich glaube, jeder kann sich das irgendwie vorstellen und doch wiederum nicht, denn zwischen Attentaten, Flugzeugabstürzen und Überschwemmungen, sind die Bilder des Leids für uns längst normal. Aber jetzt kommt´s, ich glaube, unsere Kinder werden uns, wenn sie mal groß sind, fragen: “Aber was war denn da eigentlich los? Wie konnte das denn passieren und habt ihr da nichts gemacht?” Genauso, wie ich gern mal von meiner Oma wissen würde, ob denn damals niemand etwas mitbekommen hat, ob ihr nicht wusstet, dass durch die Nazis all die Menschen getötet werden und warum ihnen keiner von euch geholfen hat.

Seit zwölf Monaten gibt es nun diesen Blog und seit dem schreibe ich hier immer nur über schöne Sachen, das Leben, Spirit, reisen usw. Soll ich dir aber mal sagen, wie alles angefangen hat? Diese Gedanken gehen mir nämlich schon lange im Kopf herum und tauchen auch immer wieder auf, sie bestimmen mein Leben mit.

Vielleicht einmal kurz vorweg: ich glaube, als Kind kann man sich nicht aussuchen, in welchem Land man geboren wird und unter welchen Umständen man aufwächst (zummindest erinnert man sich vielleicht nicht mehr daran). Ich bin von Herzen dankbar dafür, dass ich nie mit Hunger, Krankheit, Armut oder Krieg kämpfen musste und in einem sogenannten Erste-Welt-Land das Licht der Erde erblicken durfte. In China habe ich kleine Kinder gesehen, die in einer der schmutzigsten Ecken der Stadt Fußball mit einer kaputten Plastikflasche spielten. Als ich vor ihnen stand, sahen sie mich mit großen Augen an – so etwas wie mich hatten sie noch nie gesehen. Es hat dort so gestunken und gab nichts außer Staub, Beton, Grau und Schotter.

Nach dieser Chinareise wurde ich übrigens sehr krank und habe mir geschworen, dieses Land nie wieder zu besuchen, bis ich es ein Jahr später doch wieder tat und noch kränker wurde. Trotz Mundschutz und besserer Vorbereitung. Die Luft in Chinas Großstädten ist einfach nicht zum atmen, die Bilder nichts fürs Auge und der Lärm unerträglich.

Veränderung muss her! Aber uns geht es doch so gut…

Es gab eine Zeit, in der ich mich jeden Tag vor dem einschlafen innerlich bedankt habe. “Für alles gute und schöne, was mir widerfährt und gegeben wurde, für alles schöne, was ich erleben darf, dafür, dass ich gesund und hier in Frieden bin.” Ich kann mich also nicht beschweren, ich, wir, haben alle Möglichkeiten, uns geht´s super.

Aber gerade deswegen habe ich mich eben doch oft beklagt und aufgeregt, dass wir in Deutschland  so leben, wie wir leben. Dass wir alle fressen und konsumieren, Produkte kaufen und wegschmeißen, die Klospülung täglich mit Trinkwasser betätigen und uns gern melancholisch im Meer der Möglichkeiten verlieren. Aber noch schlimmer: dass alle Auto fahren, Steuern zahlen und immer noch eine Partei, Parteien überhaupt gewählt werden! Das alles natürlich nicht nur in Deutschland, wohlbemerkt leben wir ja im Wohlstand. Leider wird aber mit diesem ganzen Verhalten, mit unserem “guten” Leben, unterstützt, dass alles so weiterläuft und sich nichts ändert. Was soll sich denn aber eigentlich so ändern?

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Ich will Frieden, Gesundheit und Gerechtigkeit. Für alle! Wir alle wollen das. Und trotzdem sind wir immer noch auf “meins” konzentriert. Meine Karriere, mein Einkommen, mein Essen, mein Bett, ja, all die Dinge, mit denen ich mich wohlfühle, mein Komfort, der meine Komfortzone schafft. Aber ich möchte in keinem Land leben, in dem Menschen freiwillig Steuern zahlen, obwohl sie wissen, dass mit diesem Geld woanders Krieg angeführt wird! Und ich kann auch nicht mit Gesetzen zur GEZ, Schul- oder Versicherungspflicht leben, ich will einfach nicht so leben, vor den Gesichtern der Ärmeren! Natürlich sind wir gesegnet! Hierzulande stehen die Häuser noch, wir haben Supermärkte voller Essen, essen, was und wann wir wollen, alles ist immer verfügbar. Und ja, Krankenversicherungsschutz für alle, ein Luxus. Aber der Preis für das alles ist hoch. Der Preis ist nämlich, dass in solchen Ländern keine Kinder mehr zur Welt kommen können. Wer von euch will denn hier Kinder haben? Ist das etwa schön, so aufzuwachsen, den ganzen Tag in Institutionen, von KiTa über Kindergarten bis zur Schule, die Eltern auf Arbeit, draußen nichts grünes, keine Tiere, keine natürlichen Landschaften, nur Autos, Teerstraßen, Lärm und Betongebäude? Genmanipuliertes Essen, überall das gleiche, jede Vielfalt ausgerottet, alles schöne plattgemacht, woanders noch viel schlimmer, damit wir haben können, was wir haben. Nein, so stellen wir uns das nicht vor, da passen Kinder überhaupt nicht rein. Nach all dem Egostreben will überhaupt niemand mehr Kinder haben. Und insgeheim weiß auch jeder, warum das so ist. Das Leben eines jeden hier würde sich nämlich erstmal kräftig umkrempeln. Du selber müsstest auf einmal viel zurückstecken, der Horizont der Möglichkeiten rückt ein bisschen mehr in die Ferne, weniger Zeit (zum arbeiten), weniger Geld (zum ausgeben) und überhaupt ist das alles anstrengend und passt nicht mehr so gut ins Raster. Eine Welt mit Kindern ist das volle Kontrastprogramm und verlangt viel mehr Gefühl, Kreativität und Intuition. Aber daraus sind wir gemacht, genau das macht den Menschen aus. Und der Preis ist damit also auch, das wir unsere Wurzeln verlieren. Verloren haben.

Was sind unsere Wurzeln?

Als Kind habe ich es geliebt, draußen zu spielen, war den ganzen Tag an der Luft, hatte Tiere und Pflanzen um mich herum und es war viel, unglaublich viel Platz zum spielen und kreativ sein. Kinder und Menschen brauchen Freiheit und Raum, um sich zu entfalten! Wir sind wie Pflanzen, die in die Höhe streben, sich nach Licht und Wasser sehnen, um ihre volle Blüte zu erreichen. Wir sind fühlende, emotionale Wesen und in uns ist wie eine unsichtbare Flüssigkeit, ein treibendes Gewässer, schillernder als ein Regenbogen – das innere eines jeden Menschen. Von Natur aus sind wir ganz stark mit allem, was um uns heum ist, verbunden. All diese Äußerlichkeiten der Zivilisation sind Kunst, künstlich geschaffen und zwängen uns in Verhaltensweisen, die eigentlich gar nicht zu uns passen. Aber wir sind anpassungsfähig! So sehr, dass viele von uns irgendwann – seelisch oder körperlich – krank werden. Manche ein paar Mal im Jahr zur Erkältungszeit, manche chronisch und andere schwer, bis sie sterben.

Ich persönlich möchte mich nicht mehr an ein Leben in so einem künstlichen System anpassen. Auch, wenn Millionen Menschen dies tun, ist es zummindest für mich nicht mehr das richtige. Mein Kind, meine (Kindheits-) Träume und mein Bauchgefühl zeigen mir, dass wir hier auf der Erde eigentlich für etwas anderes bestimmt sind, als für ein Leben im Hühnerstall. Jeder, der ganz ehrlich zu sich selbst ist bzw. das gleiche auch fühlt und versucht, sich davon zu befreien, erntet meinen höchsten Respekt! Denn ich weiß, dass das sehr schwierig ist. Ich habe das Glück, die Möglichkeit zu haben, meinem Leben ständig eine neue Richtung verleihen zu können. Zum Glück kann ich jeden Tag machen, was mir Spaß macht und zwischen mehreren Optionen wählen, danke! Dafür bin ich gemacht, jeder ist es! Aber wir haben es vergessen und müssen es uns erst wieder bewusst machen.

Doch was hat das jetzt eigentlich alles mit den Flüchtlingen zu tun? Auf unserer Pilgerreise hatten wir nichts, außer zwei Fahrräder, einen Anhänger und für jeden etwas Gepäck. Alles war offen und ungewiss und wir wussten nicht, wohin die Reise weiter geht. Zum Glück sind wir immer auf herzliche, offene Menschen gestoßen, die hilfsbereit waren und uns unterstützt haben! Wir waren Gäste in fremden Häusern, einfach so, immer wieder.

Würdest du ein paar Weltenbummler bei dir zu Hause aufnehmen, sie in deinem Bett schlafen und deine Toilette benutzen lassen? Einfach so? Und einen Flüchtling?

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Ich weiß nicht, ob es heutzutage noch so viel Sinn macht, auf Geld zu setzen, auf Banken, Ersparnisse, Anschaffungen, … Pläne können ganz schnell zerstört werden, unvorhersehbares kann eintreffen, jederzeit. Am Anfang unserer Radreise durch Frankreich flogen täglich mehrere Kampfjets über unsere Köpfe, so schnell und mit so einem Lärm, dass ich am liebsten gleich in den nächsten Keller geflüchtet wäre. Man hört sie schon von weitem und sie fliegen so tief, dass man das Cockpit sehen kann. Über Frankreich werden richtige Manöver geübt, so etwas kannte ich bisher gar nicht.

Jeder, der sich schon mal mit dem Erdmagnetfeld beschäftigt hat, weiß, was eine Polverschiebung ist. Und dass vor Naturkatastrophen niemand verschont ist. Dieses System, was wir hier aufgebaut haben, ist – in dieser Art und Weise – zum scheitern verurteilt und an den zahlreichen Flüchtlingsströmen kann das im Moment alle Welt sehen (solange sie (noch) unzensierte Medien haben). Jedem sollte klar werden, dass wir längst in einer anderen Ära angekommen sind bzw. mitten im Übergang stecken. Versicherungen schützen dich nicht (mehr), Spareinlagen sind bald Fiktionen.

Was kann man denn konkret tun?

Ich würde so gern helfen, aber ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was ich genau machen soll und kann. Wenn ich eine Wohnung hätte, würde ich jemanden aufnehmen, der/ die bei uns sein kann. Das wäre sicher lustig, mit neuen Gerichten, neuer Musik, vielleicht sogar ein bisschen der anderen Sprache. Und sonst? Spenden: Geld, Sachen, Essen, Musik, Zeit, Ideen. Aktionen und Kampagnen unterstützen. Eine eigene starten (Konzert, Ausstellung, Performance, Blog, Flyer, Buch, Flomarkt, Film, Gedichte, Interviews, Rundmail, …). Mit Leuten sprechen – darüber, was man machen kann. Sich Organisationen anschließen oder selbst eine gründen. Zu den town hall debates für “Die offene Gesellschaft gehen. Anders leben konkret. Bescheidener, bewusster, bedachter. Und das System selbst menschenwürdiger mitgestalten. Uns und anderen helfen, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Wer mich übrigens sehr inspiriert, ist der deutsche Soziologe, Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer. Wenn man (mehr) verstehen möchte – ganz allgemein – sollte man seine zahlreichen Bücher lesen. Oder mal einen Blick auf seine Stiftung Futurzwei werfen.

Ich glaube, wir müssen wieder viel mehr lernen, in Gemeinschaft zu leben. Deins, meinsunser aller? Ich finde es unglaublich, wie viel bereits passiert. Dass meine Freunde zu Hause an die serbische Grenze fahren, um warme Sachen und Decken zu verteilen, dass die anderen Freunde, die Künstler, Stücke inszenieren und sich mit Themen beschäftigen, die uns alle betreffen, dass sie Musik machen, die Menschen zum nachdenken, dass sie Gärten in der Stadt anlegen und dort mit den Geflüchteten am Lagerfeuer sitzen und essen. Ständig passiert irgendetwas! Und jeder von uns kann etwas tun, immer.

Dabei fällt mir gerade auf – wo sind eigentlich die ganzen Flüchtlinge? Ich bin gerade in Leipzig, wo laut Aussage der Stadt 98 Menschen pro Woche aufgenommen werden. 51.000 Menschen im gesamten Freistaatfür 2016. Aber warum sieht man die hier nirgends? Sind die überhaupt noch da? Und was passiert mit ihnen? Warum weiß ich das nicht? Habe ich das nicht gewusst? Habt ihr das etwa nicht gewusst, was damals in den ganzen Flüchtlingslagern passiert ist?

Ich muss jetzt direkt mal loslaufen und mir das selbst anschauen.

Achso, halt! Die EM 2016 läuft ja…

Gott würfelt nicht! {Albert Einstein}

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P.S. Am besten wär´s, es würde all das gar nicht geben, oder? Glaubst du an Veränderung? Ja? Weißt du was, ich glaube sogar SO RICHTIG DARAN!!! Wenn du dich mit mir und vielen Anderen zusammenschließen möchtest, dann komm in meine Facebook-Gruppe, wir freuen uns auf dich!

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