Frankreich mit Kind und Kegel: 500 km mit dem Fahrrad durch Elsass, Lorraine und Champagne

Vor fast drei Wochen sind wir auf unsere Fahrradtour gestartet und haben dabei mehrere kleine, gemütliche Etappen zurückgelegt. Obwohl wir kräftig in die Pedale treten, lassen uns spürbarer (Gegen-)Wind, Hügel und unsere doch recht schwere Beladung meist nicht mehr als 35 km pro Tag zurücklegen. Einen Zähler haben wir nicht, ebenso wenig wie Navi oder GPS. Unseren Weg fahren wir nach Gefühl und Landkarte, immer so lang, bis irgendwer oder -etwas uns zum anhalten bewegt. An drei Orten haben wir mehr als einen Tag verbracht. Hier unsere Destinationen nach Unterkunft:

Etappen

Mannheim – Speyer – Neupotz – Wissembourg – Fischbach – Ransbrunner Hof – Hornbach/ Altheim – Auersmacher – Mittersheim – Gondrexange – Crévic – Nancy – Liverdun – Ourches – Neufchâteau – Brainville – Langres

Wo wir schlafen

Natur (wild campen), Zeltplatz, Kindergarten, Gastfamilien, Bauernhof, Pilgerherbergen, Garage, Hotel.

Gastfreundschaft

Zweieinhalb Wochen sind wir nun unterwegs und durften jeden Tag neue Bekanntschaften schließen. Ob es am neuen Reisegefühl (denn ja, Touristen in dem Sinne sind wir ja nicht, doch auch Nomaden oder Heimatlose passt nicht wirklich), den Menschen oder dem Anblick, den wir abgeben, liegt, weiß ich nicht zu sagen. Doch es scheinen  nicht viele fahrradfahrende Unterwegsfamilien vorbeizukommen, so dass wir jedes Mal aufs neue von der besonderen Hilfsbereit- und Gastfreundschaft der Leute überrascht werden.

So folgte einer kurzen Frage nach dem Weg die Einladung zum Essen nach Hause einer französischen Familie in Nancy. In einem ruhigen Dorf öffnete ein Kindergarten spätabends seine Türen, um uns zu beherbergen. Eine junge Truppe auf dem Land bot uns Abendessen, Lagerfeuer, Federbett und Frühstück zwischen glücklichen Kühen, Kätzchen und Traktoren in traumhafter Landidylle. Nachdem uns an einem besonders anstrengenden Tag abends alle Kräfte verließen, fanden wir Unterschlupf bei einem Ehepaar, dass uns auch noch an dem folgenden Regentag gern in seinem wunderschönen Haus umsorgte, für uns kochte und uns annahm, wie seine eigenen Kinder. Aber es waren noch viele mehr: die Zeltplatzgäste in Fischbach, welche uns alle nacheinander zum Frühstück, Mittagessen und Kaffee einluden, die neue Pfarrerin in Wissembourg, deren Familie uns in ihrem großzügigen Haus empfing, die feiernde Dorfgesellschaft in Altheim und der Feuerwehrmann in Eppenbrunn, die uns mit viel Herz ganz spontan einen Schlafplatz organisierten, eine lustige, fünfköpfige, französische Familie, die uns in ihrer Garage ein richtiges Nest baute und zum Abendessen einlud, die Rezeptionistin in Langres, die den teuren Hotelpreis an uns anpasste, Alexander und Stefanie, die unser Fahrrad samt Hänger bergauf schoben, die vielen, die uns ihre Toiletten in oft so dringenden Fällen zur Verfügung stellten, …

Vor unserer Abreise haben wir als Familie bereits selbst gern Gäste empfangen und ein Zimmer unserer Wohnung für solche bereitgestellt. Doch besonders jetzt ist  uns noch einmal klar geworden, wie wichtig und wertvoll diese zwischenmenschlichen (Auffang-)Netze und Herzensorte sind. Auch in Zukunft soll bei uns weiterhin und noch mehr jeder, der es brauchen kann, einen Ort zum sein, aufwärmen, essen, schlafen oder was auch immer haben.

Das neue Zuhause

Ja, es war erst einmal ungewohnt. Nach der langen Vorfreude und dem ersten Tag in der „Freiheit“ kamen auch Ängste und Zweifel auf. Die Sachen haben mittlerweile Löcher und Flecken, die sich nicht mehr entfernen lassen. Die Haut ist tiefengebräunt, die Haare vom Wind verweht und die Beine haben mehr Muckis als zuvor! Obwohl es gerade kein „richtiges“ Zuhause gibt und wir aus den Fahrradtaschen leben, falle ich doch abends satt und müde in mein Bett und habe mich irgendwie schon an diesen Zustand gewöhnt.

Für unser Kind habe ich mir eines immer gewünscht: Natur, Kühe, Pferde, Bauernhof, Sonne, Matsch und frische Luft! Gerade das ist im Moment zu 100% erfüllt! Und wenn sich unser Kind die Seele aus dem Leib schreit und lacht, weil uns während der Fahrt eine fröhliche Kuh hinterher galoppiert, weiß ich, dass alles gut ist.

Wo unser Zuhause nach der Reise sein wird, weiß ich noch nicht. Gerade die letzten Nächte waren sehr kalt, zu kalt zum zelten. Dann wünsche ich mir nichts mehr als unser altes, selbst gebautes Palettenbett mit seiner weichen Matratze. Doch dann säßen wir nicht draußen unterm Sternenhimmel, bei Grillengezirps und Papas Geschichten von dem Bär und dem Schwein. Im Moment sind wir drei unser Zuhause, noch mehr als sonst. Und das nehmen wir überall mit hin, wie unser Schneckenhaus.

Pilgern – Jakobsweg – Fahrrad fahren

Es ist schon eine besondere Form des reisens. Wenn uns Leute nach dem Grund für unser Aufbrechen fragen, können wir das mittlerweile nicht mehr eindeutig beantworten. Am Anfang stand der Wunsch nach einem Winter fernab der Kälte. Und hinzu kam der nach einer Alternative zum fliegen (mit dem Flugzeug). Was kann man also als Familie machen, wie lässt es sich noch reisen, wohin? Den Jakobsweg hatte ich mir schon öfter vorgenommen. Frankreich gefällt uns. Fahrrad fahren befreit uns und wir lieben die damit verbundene Unabhängigkeit. Aber auch der Wunsch nach Veränderung und unser Kind soll noch viel mehr draußen sein können. Also Sommer draußen auf dem Land, mobil aus eigener Kraft, mal sehen, wie weit man kommt, wo man landet, wo es uns hintreibt. Oder? So ungefähr müssen die Gründe gewesen sein. Wir wollen nicht mehr in der Stadt leben. Aber einfach aufs Land ziehen auch nicht. Also schauen wir uns nun mal das Land an und sehen, was kommt.

Am Anfang noch haben wir uns sehr genau an den Weg gehalten. Der Jakobsweg zieht sich wie ein breites Netz durch ganz Europa. Aber besonders in Frankreich ist er zummindest für Fahrradfahrer eine Herausforderung. Die schönen Bilder aus den Reiseführern treffen nur selten zu und sind überhaupt eher auf Wanderer ausgelegt. Daher suchen wir uns unsere eigenen Wege, mal Landstraßen, mal Trampelpfade. Die Beschilderung in Deutschland ist ein Traum im Gegensatz zur französischen. Die schönsten Strecken führten uns durch Wald, an kleinen Bächen, Weiden und Flüssen entlang – die hässlichsten Abschnitte lagen in lauten Stadtrandsiedlungen, Gewerbegebieten und zwischen Industrieanlagen. Die größte Plage: Autos überhaupt. Der schönste Ort: Bourmont! Ein Traum, von dem es im Internet nicht einmal Bilder gibt.

Interessant ist, wie sich dieser Weg wirklich bemerkbar macht. Durch seine vielen Zeichen, seine Herausforderungen und Belohnungen. Gefühlt sogar je nach Charakter und Karma und Person. Man darf ihn nie unterschätzen und er hat mich persönlich schon drei Dinge gelehrt.

1. Die Abkürzung (zum Ziel) werde ich schnell bereuen.

2. Erwarte nichts!

3. Was zählt, ist das hier und jetzt.

 

2 Kommentare auf “Frankreich mit Kind und Kegel: 500 km mit dem Fahrrad durch Elsass, Lorraine und Champagne

  1. Liebe Lousie,

    das klingt wunderbar und ich kann es ein bisschen nachvollziehen, denn ich pilgere seit einigen Jahren jedes Jahr eine Woche in einer Gruppe und wir setzen jedes Jahr wieder da ein, wo wir im Vorjahr aufgehöhrt haben. Dieses Jahr ging es von Bischofsheim nach Ochsenfurth – also durch die wudnerschöne Rhön. Wir schlafen in Kirchen, Klöstern, Gemeindehäusern und genießen die Natur, die täglich sich schärfende Wahrnehmung und die vielen Begegnungen und Gespräche unereinander.
    In der Zuversicht, in der ihr unterwegs seid, werden sich bestimmt immer wieder kleine Helfer zeigen und euch nähren, beschützen und beherbergen. Ich wünsche euch einen kraftvollen Weg.
    Herzlich
    Gabi

    1. Vielen Dank, liebe Gabi! Es ist wirklich eine ganz besondere Erfahrung und ich finde es schon jetzt unglaublich, zu welchen Begegnungen uns all das geführt hat. Viele liebe Grüße auch an alle zu Hause bei euch, leider hat es ja mit Schwarz diesen Sommer doch nicht geklappt. Nächstes Mal 🙂 Liebe Grüße und bis bald!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*