Wie wir Eltern die Arbeitswelt revolutionieren müssen!

Eltern revolutionieren.

Es ist Anfang Juni und ich bin zu Besuch bei meiner Mutter in Leipzig. Während meine Tochter draußen, auf der sommerlichen Blumenwiese im Hof Ball spielt, sitze ich mit Blick auf den Hof im Wohnzimmer der Erdgeschosswohnung – bei offener Balkontür, höre sie singen und spielen und schreibe in Ruhe diesen Artikel. Was für ein Segen! Ich erinnere mich an meine Kindheit. Hier, in diesem Stadtteil bin ich aufgewachsen. Mein Bruder und ich konnten den ganzen Tag draußen spielen. Wir hatten genau so einen Hof. Morgens frühstücken, spielen, dann raus aus der Wohnung und zum Mittagessen wieder rein. Danach wieder nach draußen und das ganze bis zum Abendessen. Niemand hat uns gestört! Wir hatten alle Freiheiten. Meine Mutter war den ganzen Tag beschäftigt – als Hausfrau.

Wie gern hätte ich jetzt auch so einen grünen Hof mit großer Spielwiese für mein Kind. Wie gern würde ich zu Hause auch einfach nur in Ruhe meiner Arbeit nachgehen können, während der Zwerg draußen seine Entdeckungen macht. Wie gern würde ich meinem Kind die gleiche, ungestörte, freie, großzügige Kindheit da draußen ermöglichen – Mama, du hast das einfach grandios gemeistert!

Arbeitsmodelle für Eltern

Alle Eltern stellen sich die Frage! Wie bringe ich Arbeit und Familie in Einklang, wie kann ich genug Geld verdienen und auch noch ausreichend Zeit für meine Kinder, für meine Familie haben? – Dabei müsste es eigentlich anderserum heißen: wie kann ich ausreichend Geld verdienen und (mehr als) genug Zeit …

Und diejenigen in meinem Freundes- und Bekanntnekreis, die keine Kinder haben und sich welche wünschen, überlegen ebenfalls, wie sie es machen würden, hätten sie nun welche.

Die klassischen Möglichkeiten:

– Teilzeit (z.B. beide Eltern wechseln sich ab)

– einer arbeitet Vollzeit

– beide arbeiten Vollzeit (Kind kommt in die Krippe)

– keiner arbeitet

– selbständig/ freiberuflich sein

– Arbeitszeiten selbst bestimmen, z.B. in innovativen Unternehmen wie Semco

 

Vor kurzem bekam ich zu diesem Thema eine interessante Infographik von adzuna gesendet:

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Unser Modell

Ich selbst bin freiberuflich und habe neun Jahre als Instrumentalpädagogin gearbeitet. Zwei Wochen nach der Geburt ging es bei mir schon wieder los, dafür konnte ich mir meine Arbeitszeiten immer selbst zurecht legen und habe nur das nötigste gemacht. Als Eltern hatten wir, für unseren Geschmack, immer ein ideales Modell. Beide freiberuflich, beide selbständig mit eigener Zeiteinteilung. So war jeder zwei Tage in der Woche beschäftigt und wir haben uns aufeinander abgestimmt bzw. hatten noch genug Spielraum für alles, was darüber hinaus dazu kam. Irgendwann hat Manou den Wunsch geäußert, mit auf Arbeit zu kommen – und seitdem war sie in der Musikschule sogar öfter mit dabei.

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Das Modell unserer Freunde – 6 alternative Beispiele

Christian pendelt mit seiner vierjährien Tochter zwischen Freiburg und Mannheim. Mal ist die Kleine bei der Mama im Süden, mal mit ihm im Norden unterwegs. Er selbst ist Orchestermusiker – und nimmt seine Tochter sogar mit auf die Tourneen.

Julia arbeitet beim Kinderschutzbund. Weil Eljot noch klein ist und seine Mama für ihn erreichbar sein soll, nimmt sie ihn zweimal pro Woche mit ins Büro – und arbeitet dort dafür extra erst abends, wenn die anderen schon weg sind.

Arno Stern hat sich seine Arbeit selbst kreiert, er hat sie erfunden. Durch seine jahrelange, private Forschungsarbeit hat er schließlich auf natürliche Weise das Malspiel entwickelt und seine beiden Kinder waren und sind dadurch immer mit dabei.

Jessica ist Regieassistentin am Theater. Als sie klein war, hat ihr Vater hier als Tänzer gearbeitet und die Bühnenmitarbeiter haben sich abgewechselt, das Baby während der Proben im Kinderwagen durch die Theatergänge zu schieben.

Mona und Chris haben für sich und ihre kleine Tochter Ayla einen Hof gekauft – und machen daraus mit viel Arbeit und fleißigen Volunteers eine Permakulturfarm. Die Arbeit ist der Hof, und die Familie kann so jeden Tag zusammen sein.

Charlotte ist Tanzlehrerin an der Popakademie in Mannheim. Ihre beiden Kinder sind nicht mehr ganz so klein und kommen, wenn es mal nicht anders geht, einfach mit zum Unterricht.

Mit den Kindern gemeinsam zur Arbeit

Auf der Insel Langkawi waren viele Kinder auf Arbeit mit dabei. Entweder haben sie mit geholfen oder haben sich im Hintergrund beschäftigt. In Indien genauso. Viele Mütter arbeiten und schaukeln nebenbei einen Säugling hin und her. Mal abgesehen von den schlechteren Umständen gibt es diese Trennung von Arbeit und Familie nicht in allen Ländern so extrem wie hierzulande.

Ein Yogahaus (oder Ashram) bietet ein schönes Modell, denn hier leben alle zusammen, gehen selbst ausgewählten Tätigkeiten nach, es gibt viel Platz für alle und durch den Beitrag jedes einzelnen sind alle versorgt. Die Kinder sind überall mit dabei oder haben ein eigenes Kinderprogramm.

Auch Höfe und Selbstversorgergemeinschaften bringen alles unter einen Hut. Leben und arbeiten sind eine Einheit, jeder ist Teil davon und Kinder haben gleichzeitig immer eine Bezugsperson.

Digitale Nomaden, online entrepreneure, ortsunabhängige oder Blogger können ihre Arbeit von überall erledigen. Jeder, der selbständig arbeitet, ist ja heutzutage irgendwie technisch mit Laptop, Smartphone oder Tablet unterwegs – das geht im home office, auf dem Spielplatz, beim warten während der Ballettstunde oder auch abends, wenn alle schon im Bett sind.

In Leipzig gibt es ein Eltern-Kind-Büro, was mehr ist, als nur ein Coworking Space für Familien. Als Teil eines lebenden Hausprojekts gibt es hier täglich Synergien, es wird gearbeitet, gekocht, geschlafen, es werden Partys gemacht – und die Kinder sind selbstverständlich immer mit dabei. Die Mitgliedschaft kostet zudem weniger als die Hälfte eines Kindergartenbeitrags. Hier kann man sich das ansehen: Rockzipfel-Leipzig.

In der Gemeinschaft auf Schloss Tonndorf steht unter einem Punkt in der Vision: “die Schaffung von familiennahen Arbeitsplätzen, die speziell auch für die Kinder wieder einen Einblick in die Arbeitswelt ermöglicht und diese damit sichtbar und begreifbar macht”.

Arbeiten, ganz flexibel, von überall aus, vielleicht ist das der neue Trend, vielleicht stellt sich dank technischem Fortschritt und dem großen Dienstleistungssektor bald gar nicht mehr die Frage nach der Vereinbarkeit? In fast allen Branchen ist das ja fast schon normal. Und da, wo es nicht normal ist, kommt die Zeit vor der Mattscheibe nach der Arbeit. Auch ich arbeite viel vorm Laptop. Und habe das am Anfang immer noch so geschafft, dass Manou möglichst wenig davon mitbekommt. Ich möchte nicht, dass sie mich so viel vor diesem Gerät herumhängen sieht. Deshalb versuche ich alles, was damit zu tun hat, möglichst zu machen, wenn sie nicht dabei ist oder schläft. Aber es lässt sich manchmal kaum vermeiden und vielleicht muss ich mich einfach damit anfreunden, dass wir in einer anderen Zeit leben, dass Notebooks und angespannte Gesichter, die darein starren, einfach dazugehören.

Arbeit in der Arbeitswelt

Bei all dem frage ich mich aber trotzdem: Arbeit – was ist das eigentlich überhaupt? Wofür muss man arbeiten, wofür will ich arbeiten, fürs Geld? Wie viel Geld braucht man eigentlich zum leben, wie viel genau möchte ich ausgeben und für was überhaupt? Was ist neben Geld noch wichtig oder wichtiger, was ist wichtig für mich oder uns und kostet kein Geld, was ist wichtig und kostet Geld?

Bei uns in der Familie hat es nie eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gegeben.” – Dieses Zitat stammt von André Stern. Sein Vater ist Erfinder des Malorts und zusammen mit seiner Fau, einer Grundschullehrerin, setzte er alles daran, sich seinen familientauglichen Beruf selbst zu erfinden.

Mir persönlich geht es nicht nur um die Arbeit, sondern um ein Lebensmodell, eine Lebensform, ein Leben, was uns Familien glücklich macht! Und dazu gehören viele Dinge. Wir möchten nicht Sklave des Geldes oder der Arbeit sein, wir haben keine Familie und ein Kind, damit wir das gegen Arbeit eintauschen. Wenn Kinder aus dem Stadtbild verschwinden und Menschen nach Alter, Fähigkeiten und sozialem Hintergrund auf diverse Institutionen verteilt werden, ist das kein Zeichen von Vereinbarkeit, Fortschritt und einem familienfreundlichen Gesellschaftsmodell. Wir möchten uns entfalten und das machen, was uns Spaß macht. Wir möchten mit etwas Geld verdienen, was uns glücklich macht und möglichst viel davon anderen Menschen abgeben. Das klingt utopisch? Oh nein! Es ist das Recht eines jeden, denn nur dafür sind wir auf der Welt – um zu leben, zu teilen und zu genießen! Wir möchten alles tun, um uns und unseren Kindern ein glückliches Leben zu ermöglichen und dafür ist es wichtig, dass alles miteinander im Einklang ist.

Viel zu lange mussten sich die Menschen, Familien und Kinder dem System anpassen! Nun sind wir in einer privilegierten Lage und es wird Zeit, dass wir das System neu und zu unseren Gunsten gestalten. Das System muss sich uns anpassen! Und dafür können wir alle etwas tun, in dem wir an unsere Würde appellieren, uns zusammenschließen, unterstützen und das Zepter selbst in die Hand nehmen.

Interessante Links

Auf Family Unplugged gibt es eine interessante Umfrage, an der sich so viele Eltern wie möglich beteiligen sollen – die Initiative wird von Eltern gemacht, mit dem Ziel, durch Weitergabe der Ergebnisse ein familienfreundlicheres Deutschland zu schaffen. Bitte unbedingt teilnehmen, natürlich anonym.

Sehr interessantes Interview mit Götz Werner, dm-Gründer, über das bedingungslose Grundeinkommen. Er setzt sich dafür ein, dass der Staat jedem 1000,- Euro im Monat zahlt, bedingungslos.

2 Kommentare auf “Wie wir Eltern die Arbeitswelt revolutionieren müssen!

  1. Ja, du hast absolut recht. Wir müssen die Arbeitswelt an uns anpassen und nicht umgekehrt. Danke für diesen inspirierenden Post. Ich würde ihn gerne zu unseren #vereinbarkeitsgeschichten hinzufügen, wenn du einverstanden bist.

    lg Uta

    1. Liebe Uta, vielen Dank für deine Worte! Ich freue mich, dass dich der Beitrag inspirieren konnte, du kannst ihn selbstverständlich frei teilen, verbreiten, als Empfehlung verwenden o.ä. Viele liebe Grüße, Louise

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