„Freilerner“: Was diese Kinder und Familien anders machen

Natürlich lernen, sich selbstbestimmt bilden – diese Kinder und Familien beeindrucken mich durch  unglaubliche Selbstdisziplin und ihre eigenen, hohen und gelebten Ansprüche an ihr ganz persönliches Leben. Das, was sie tun, könnte jeder andere auch! Doch die meisten scheitern daran, weil sie es gar nicht erst versuchen und darüber hinaus nicht das Durchhaltevermögen aufbringen, nicht den Willen, den Drang, das natürliche Bedürfnis einer freien Natur, was ja erst bewirkt, dass man sich sein eigenes Modell, sein passendes Lebenskonzept auf den Leib schneidert.

Den Begriff der „Freilerner“ kannte ich bis vor wenigen Jahren noch überhaupt nicht. Ich wusste nicht, dass es möglich ist, rechtlich und organisatorisch erlaubt ist, sich eigenständig zu bilden, lernen, wie, wo und wann man möchte, weil es natürlicherweise nunmal so eingerichtet war und von der Natur aus noch ist. Nur nicht in Deutschland. Denn hier herrscht ja Schulpflicht, im Volksmund sogar schon Schulzwang genannt. Und den gab es so, in dieser Form, vor dessen Einführung durch die Nationalsozialisten 1938, auch noch nicht.

Ein Freilernertreffen in Süddeutschland

Als ich die beiden Geschwister Jonas und Marisa kennenlerne, weiß ich noch gar nicht, wer von beiden da eigentlich vor mir steht. Als wir auf dem schönen, weitläufigen Campingplatzgelände am See ankommen, rennen die beiden auf uns zu und werden von ihrer Mutter kurz mit Namen vorgestellt. Ich halte Marisa für einen Jungen und Jonas für das Mädchen – jeder andere Fremde hätte das auch getan -, denn die beiden fallen gendermäßig komplett aus dem Rahmen. Als ich meinen Fehler nach etwa einer Stunde  selbst herausfinde, erklärt mir die Mutter der beiden: „Marisa hat sich irgendwann dann die Haare abgeschnitten, weil sie ihren großen Bruder nacheifern wollte. Ich habe dann nochmal nachgeschnitten, seitdem trägt sie kurze Haare, Base Caps und Jungsklamotten.“ Jonas dagegen sieht mit seinen langen Haaren und dem weiblichen Gesicht unglaublich feminin aus. Dieser erste Eindruck hat gesessen. Manou, meine Tochter, findet sofort Anschluss zu Marisa. Die beiden haben eine lustige, süße, aber auch leicht ruppige Art und sind neugierig, stürmisch und fröhlich.

Eine andere Familie verbringt viel Zeit mit dem Ausladen der Sachen, baut gemütlich ihre Zelte auf, bleibt erstmal eher für sich und schillert doch schon von weitem ganz bunt durch ihre drei Kinder. Jenna, Luise und Tom sind alle drei bildhübsche junge Menschen und sehen sich noch dazu sehr ähnlich. Was mich bis jetzt beeindruckt – ich habe noch nie so viel Zärtlichkeit zwischen Vater und Tochter gesehen, wie in dieser Familie. Der junge Papa und die älteste Tochter werden von anderen Leuten wohl des öfteren für ein Paar gehalten, wie sie mir später erzählen. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass das keine gewöhnlche Beziehung, sondern ein ganz besonders tiefes Verhältnis zwischen Vater und Kind ist, voller Liebe und absoluter Klarheit – mit anderen 14jährigen und ihren Eltern vielleicht gar nicht möglich, werden die doch in die seltsame Schublade der „Pubertät“ gesteckt. Diesen reinen Ausdruck der Liebe kenne ich so nur von Müttern zu ihren Babies, doch dieser einfühlsame Papa trägt das Muttertier in seinem ganzen Wesen.

Offene Arme und Herzen von überall

Weil ich mittlerweile viel von Freilernerfamilien und -kindern gehört und gelesen habe, wollte ich mich nun selbst mal ein wenig vernetzen – immerhin sind wir ja auch Menschen mit einem freien Lebenskonzept, die gern und selbständig lernen, arbeiten und reisen, unabhängig von irgendwelchen Institutionen oder Einrichtungen, und das alles versuchen, miteinander zu verbinden. Ich kenne hier niemanden, möchte mich doch nur mal ein bisschen umschauen, austauschen und im besten Fall ein schönes Wochenende in angenehmer Runde verbringen. Wir habe nichts dabei. Kein Zelt, kein Essen, keine Schlafsäcke, Isomatten oder dergleichen, keine Zahnbürsten, nada. Und werden die drei Tage aufgenommen, als gehörten wir schon immer zur Familie. Ohne Pardon. Ich habe mich selten so wohl unter Menschen gefühlt.

Ein anderes, größeres Mädchen, meint: „Ich liebe diese Treffen! Die sind immer so friedlich und niemand ist blöd oder stänkert. Man merkt sofort, wenn andere da sind, die verändern die ganze Stimmung, die können nicht teilen und in Frieden lassen, aber zum Glück ist das eher selten.“

Hannah ist in meinen Augen die perfekte Mutter. Als Mama der drei Hübschen macht sie einfach alles richtig, was man nur richtig machen kann, sonst wären die Kinder, in Kombination mit dem lieben Vater, nicht das, wonach sie aussehen – drei kerngesunde, strahlende, schlanke, junge Menschen, die wie stürmische Rehe über die große Wiese ziehen, die Büsche durchstreifen, in Bäume klettern, mit wehenden  Mähnen und luftgetränkter Haut, ein Manifest einer glücklichen Kindheit. Aber: für Nachbarn, Familie, Freunde und Bekannte wohl eher ein Dorn im Auge. Jahrelang hat sich die Familie versteckt, hat tagsüber ihren ganz eigenen Rhythmus entwickelt, um unter den 08/15-Arbeitern, -Schulbesuchern und kritischen Beobachtern möglichst wenig aufzufallen. Das alles muss eine große Belastung gewesen sein, denn seit wenigen Monaten lebt die Familie nun, endlich, in Frankreich. Hier, sowie in fast allen anderen – nicht nur europäischen – Ländern, herrscht kein sozialer und politischer Druck, zummindest nicht hinsichtlich selbstbestimmter Bildung. Es steht jedem frei, wie er seine Tage verbringt, ob die Kinder eine staatliche Schule besuchen oder alternativ lernen.

Gesellschaftliche Norm und soziale Zwänge

Der kleine Paul und seine Mama sind allein da. Wie bei uns leben beide Eltern getrennt und kümmern sich gemeinsam um das Kind. Pauls Mama hat kein unterstützendes Netzwerk und bringt den Kleinen seit neustem in den Kindergarten, um einem gut bezahlten Laborjob einer großen Firma nachzugehen. Sie möchte gern mehr Zeit haben für das Kind und macht sich viele Gedanken darüber, wie es anders gehen könnte, was sie stattdessen tun könnte, denn mit dem Job an sich ist sie wohl ganz zufrieden.

Die Mama von Jonas und Marisa hat zummindest diese Probleme nicht. Sie ist durch ihren Mann abgesichert, der hier nicht anwesend ist, scheinbar aus dem Grund, da dieses Paar ein eher traditionelles Elternbild mit Mutter, die sich um Kinder und Haushalt kümmert und Vater als Familienernährer einnimmt. Ich bin froh, dass auch wir schon weit mehr über die Ebene der Inspiration hinaus gekommen sind und unser Lebensmodell konkret angepasst und ein Stückweit mehr für uns entwickelt haben.

Jonas spielt schon seit über einer Stunde im See und ist mittlerweile bis auf die Knochen durchnässt – an einem eher diesigen Milchwolkentag. Niemand ermahnt ihn, keiner holt ihn aus dem Wasser. Stattdessen steht er schließlich mit knallblauen, lila Lippen und klappernden Zähnen am Lagerfeuer und wärmt sich in mehreren Schichten trockener Wolldecken auf. Um das Feuer tanzen auch Manou und Marisa, eifrig, mit Stöcken in der Hand. Sie lieben das Feuer und spielen in der Glut, und bald gibt es die erste Verbrennung. Manou hat Marisa mit der heißen Spitze ihres Stöckchens getroffen! Und dabei bleibt es auch, denn diese Erfahrung möchte keine der beiden noch einmal erleben. Die Kinder haben sich ihre Grenzen im wahrsten Sinne selbst gesteckt, sie selbst erfahren.

„Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen.“ – Konfuzius

Wie ermüdend wäre so ein Abend in unseren eigenen Familien verlaufen. Nach diesen wenigen Stunden hätte ich warscheinlich bereits genug und mich schon wieder auf die Heimfahrt gefreut. Nicht aber hier. Mit diesen Menschen verbindet mich viel, ich fühle mich selten so lebendig und sehe es auch Manou an, denn sie kann hier so sein, wie sie natürlicherweise ist, einfach ganz sie selbst. Der große Unterschied dieser Eltern zu den meisten Menschen, die ich kenne, ist: sie haben absolutes, eisenstarkes Vertrauen in ihre Kinder. Sie haben, genauso wie ich, keine Angst. Keine Angst vor Verletzungen, keine Angst vor Unfällen, keine Angst, aufzufallen, zu scheitern, zu verlieren, loszulassen, freizulassen, peinlich oder „unkorrekt“, inkompetent, zu sein, zu lieben, zu lassen, zu verwöhnen. Sie vertrauen einfach.

Und sie werten nicht. In diesen drei Tagen habe ich nicht einmal einen Satz, wie „Wow, das ist ja prima!“ oder „Klasse, gut gemacht!“ gehört. Diese Erwachsenen pflegen einen völlig lockeren, aber so natürlichen Umgang – auch sprachlich – mit ihren Kindern, dass man meinen müsste, sie alle kennen sich schon ewig oder wären gar eine eingeschweißte Familie. Aber niemand hier kennt irgendjemanden, alle treffen sich neu, nichts ist aufgesetzt, alle suchen einfach nur gleichgesinnte, Menschen, die so sind, wie sie, Menschen, die ähnliches teilen, von denen sie verstanden, akzeptiert werden. Denn unglaublich, aber wahr: auch diese Familien teilen das gleiche Problem – nämlich, dass es ihnen zu Hause, in Deutschland, zummindest offiziell, nicht gestattet ist, ihre Kinder so frei, so selbst, so natürlich aufwachsen zu lassen.

Jonas´und Marisas Mutter z.B. möchte nämlich nicht weg aus Deutschland. „Das ist unser Zuhause! Wir haben hier das Haus, den großen Garten, den wir über so viele Jahre angelegt haben, die Kinder haben Platz, wir sind sozial vernetzt, all unsere Freunde sind hier  – warum sollen wir hier weg!?“

Die Befreiung von der Unterdrückung ist ein Menschenrecht und das höchste Ziel jedes freien Menschen! – Nelson Mandela.

Die Zukunft gehört denen, die die Möglichkeiten erkennen, bevor sie offensichtlich werden.  [Oscar Wilde]

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Weiterführende Links:

Bundesverband Natürlich Lernen e.V.

Freilerner Solidargemeinschaft e.V.

Ökologie der Kindheit – Vertrauen als Haltung

 

2 Kommentare auf “„Freilerner“: Was diese Kinder und Familien anders machen

    1. Lieber Martin,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist erschreckend und leider kein Fehler, die Daten aus Wikipedia sind als oberflächliche Stichpunktzusammenfassung diesbezüglich ungenügend. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, empfehle ich dir eine sehr gut recherchierte Arbeit des Netzwerk Bildungsfreiheit, aus der ich dazu kurz zitiere:

      Um aufzuzeigen, dass der Schulzwang in Deutschland ein Erbe des Nationalsozialismus ist, sollte jeder Bürger unseres Landes folgendes wissen:
      Vor 1938 war in Deutschland trotz aller Schulpflichtgesetze der Unterricht zu Hause (= als Hausschule, oder Hausunterricht sprich Homeschooling) immer als Ausnahme zulässig! Deshalb sprach man bei der Schulpflicht immer im Sinne von UNTERRICHTSPFLICHT! Deutschland, das seit Einführung der Schulpflicht in Preußen 1717 schon immer die striktesten Gesetze diesbezüglich hatte, kannte zur Zeit der Weimarer Verfassung 1919 und des endgültigen preußischen Schulpflichtgesetzes von 1927 kein Verbot des Privat- oder Hausunterrichtes und dieser war immer noch sehr verbreitet. In der sogenannten Paulskirchenverfassung, der Reichsverfassung vom 28. März 1849, findet sich der Hausunterricht, wie man ihn damals bezeichnete, in § 154 noch im MENSCHENRECHTS-KATALOG: „Der häusliche Unterricht unterliegt keiner Beschränkung.“9

      In allen strikten preußischen Regelungen war der Heimunterricht trotzdem immer weiter erlaubt, z. B. im „General-Land-Schul-Reglement“ Preußens vom 12.1.,1763 (§ 15) oder in der „Schulordnung für Elementarschulen der Provinz Preußen“ vom 14.5.1845 (§ 1), ebenso finden wir folgendes in der „Kabinettsorder betr. Die Schulzucht“ vom 14.5.1825: „Eltern oder deren gesetzliche Vertreter, welche nicht nachweisen können, daß Sie für den nötigen Unterricht der Kinder in ihrem Haus sorgen, sollen erforderlichen Falls durch Zwangsmittel und Strafen angehalten werden, jedes Kind, nach zurückgelegtem fünften Jahre, zur Schule zu schicken.“10

      Der radikale DEUTSCHE Schulzwang wurde in dieser FORM erst 1938 von den Nationalsozialisten eingeführt, um die deutsche Jugend ALLEIN zu
      kontrollieren.4 Erstmals wurde im Gesetz über die Schulpflicht im Deutschen Reich (Reichsschulpflichtgesetz) vom 6.7.1938 (geändert am 16.5.1941) festgelegt, daß Schüler mit der Polizei in den Unterricht gezwungen werden dürfen und daß Erziehungsberechtigte mit Geld- und Gefängnisstrafen bestraft werden können, wenn sie die Schulpflicht bei ihren Kindern nicht durchsetzen.11
      In einer Internetdarstellung12 des vom damaligen Reichsbildungsminister und von Hitler unterzeichneten Gesetzes werden die Unterschiede
      zwischen den Fassungen von 6.7.1938 und 16.5.1941 gut deutlich (siehe Anhang Teil I). § 1 lautet: „(1) Allgemeine Schulpflicht. Im DEUTSCHEN REICH besteht allgemeine Schulpflicht. Sie sichert die Erziehung und Unterweisung der deutschen Jugend im Geiste des Nationalsozialismus. Ihr sind alle Kinder und Jugendliche deutscher Staatsangehörigkeit unterworfen, die im Inlande ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben“. Sogleich ist allerdings selbst hier von Ausnahmen die Rede, denn in § 1,2 heißt es: „Die Schulpflicht ist durch Besuch einer reichsdeutschen Schule zu erfüllen. ÜBER AUSNAHMEN entscheidet die Schulaufsichtsbehörde“. Und § 5 lautet: „Erfüllung der Volksschulpflicht. (1) Zum Besuch der Volksschule sind alle Kinder verpflichtet, soweit nicht für ihre Erziehung und Unterweisung in anderer Weise entsprechend ausreichend gesorgt ist. (2) Während der vier ersten Jahrgänge der Volksschule darf anderweitiger Unterricht an Stelle des Besuchs der Volksschule NUR AUSNAHMSWEISE in besonderen Fällen gestattet werden.“ (alles Fassungen von 1938). Diese Ausnahmefälle wurden vor allem für Kinder von Wehrmachtsangehörigen, Kriegsgefallenen, Bombenbeschädigten, kriegsdienstverpflichteten Müttern oder dienstlich häufig versetzten Beamten gestattet. Eine Form der Ausnahme waren die neu gegründeten nationalsozialistischen Erziehungsanstalten, die Deutschen Heimschulen, wie sie seit September 1941 auf Befehl Hitlers gegründet wurden. So können wir unter http://www.landesarchiv-bw.de/stal/heimschulen/index.htm
      (Auszüge im Anhang Teil II), auf der Internet-Seite des Landesarchivs BW zum Thema „Das Schulsystem im Dritten Reich – Deutsche Heimschulen
      in Baden Württemberg“ folgendes lesen: „Was Adolf Hitler mit seinen neu gegründeten Erziehungsanstalten beabsichtigte und welche Erziehungsziele er verfolgte, wird durch dieses Zitat von ihm deutlich: ‚In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich … Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein … Stark und schön will ich meine Jugend … So kann ich das Neue schaffen!‘“ (Anmerkung: Wir haben heute in Deutschland bereits wieder eine zunehmende Kriminalitätsrate unter Jugendlichen! Das Ziel ist ereicht!! Nachzulesen in […]

      Der Text verfügt über eine umfangreiche Quellenangabe, du findest ihn vollständig hier:
      http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/pdf/Geschichte_Schulzwang.pdf

      Viele Grüße, Louise

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