Workaway II: Indien mit Kind – Unser Leben im Yoga-Ashram

Dieser Artikel ist längst überfällig und ich hätte gern schon viel früher über unser neues Leben berichtet. Doch es gibt einen guten Grund, warum es auf Zwerggeflüster gerade länger nichts zu lesen gab – wir sind mittlerweile ganz und gar angekommen im magischen Indien und tief in das Leben im Ashram eingetaucht. Hier ist alles anders, komplett neu, faszinierend, schön und so reich an Leben und Spirit – für Internet, bloggen, Social Media & Co. war hier bisher schlicht und einfach keine Zeit, kein geistiger Raum. Aber am besten mal ganz von vorn…

Was hat uns überhaupt nach Indien und in einen Ashram getrieben?

Nachdem ich 2009 schon einmal vier Wochen in Indien verbracht habe, wollte auch Dénes wenigstens einmal dieses mystische Land besuchen, von dem es immer so viel zu erzählen gibt – gutes oder schlechtes! Unsere Freunde haben sich entweder ins Land verliebt oder wollen so schnell gar nicht mehr hin. Da Dénes frisch gebackener Yogalehrer ist, sollte es ein Yoga-Ashram in Indien, der Wurzel des Yoga, sein… und hier sind wir nun!

Der Ashram am Rand der Wüste

Der Shri Jasnath Asan ist ein Yoga-Ashram mit 500 Jahre alter Tradition. Er befindet sich mitten im Herzen von Rajasthan, einer wunderschönen, „peaceful“, Wüstenregion im Norden des Landes. Die Landschaft hier ist steppenartig und für eine trockene Gegend wächst doch noch recht viel. Der Ashram selbst ist eine Oase mit blühenden Bäumen, bunten Vögeln, gedeihenden Wiesen und einem großen Gemüsegarten. Gegen 6.30 Uhr wird es hell und man kann die schönsten Sonnenaufgänge von einem der vielen Dächer, zu denen versteckte Treppchen führen, genießen.

Der Ashram ist ein Campusgelände, das sich aus mehreren Gebäuden zusammensetzt. Ich fühle mich hier ein bisschen wie in eine andere Zeit zurückversetzt und alles kommt mir vor wie ein Palast mit seinen Angestellten und auch sonst allem, was man sich unter einem mittelalterlichen Leben so einer Anlage vorstellt. Alle Türen sind Holztore mit Riegeln aus Metall, die indischen Frauen tragen ganztägig (und auch nachts) ihre wunderschönen Gewänder mit viel Schmuck und Schleier, alles wird von Hand gemacht und die Arbeiten sind schlicht, aber beständig. Im Ashram hat alles Struktur, jeder hat seine Aufgabe(n) und Zuständigkeiten, es gibt sogar einen Feuermann, der bei der Abendzeremonie die Flamme trägt und über Feuer bzw. Glut tanzen kann.

Die Hauptgebäude sind die große Essenshalle mit Küche, Yogahalle, die drei Tempel, das Hauptbüro, das Volunteer- und Gästehaus, Wellness Center und Haupthaus. Hier wohnen Shree und Guruji, die Leiter des Ashrams. Guruji ist soetwas wie ein Gott für sein Dorf – und davon gibt es in Indien hunderte. Guruji ist für die Menschen ein Vorbild, ein Weiser. Jeden Tag kommen sie von überall her, um sich Rat zu holen, mit ihm zu sprechen oder einfach nur seinen Segen zu erhalten. Ob Geschäftsmann oder Hausfrau, ob es um berufliche Entscheidungen oder Gefühlschaos geht, der Guru hat für jeden ein offenes Ohr. Auserwählt wurde er schon mit fünf Jahren, die Prozedur ist die gleiche wie beim Dalai Lama.

Wie lebt es sich so im Ashram?

Wir sind als Karma Yogis hier, das bedeutet wir arbeiten als Volunteers. Unsere Arbeit umfasst sechs Stunden täglich plus Yogastunden plus Puja (Abendzeremonie) plus vor- und nachbereiten bei den Mahlzeiten. Die Wochenenden haben wir frei, doch auch hier gibt es immer ein paar kleine Arbeiten zu tun, wenn man nicht z.B. abwesend ist oder die Zeit für Ausflüge und kleinere Trips nutzt. Wer schweigen möchte, legt sich für die entsprechende Zeit ein rotes Schweigearmband an.

Unser Tagesablauf

5:00/ 6:00 – 7:30 Uhr Yoga

7:30 Frühstück

9:00 – 12:00 Uhr Karma Yoga

12:00 Mittagessen

14:00 – 17:00 Uhr Karma Yoga

16:30 Chai (Teezeit)

17:00 – 18:30 Uhr Yoga Class

18:30 Abendessen

19:00 Puja (Abendzeremonie nach Sonnenuntergang)

20:00 Satsang

Der Tagesablauf ändert sich öfter und hängt auch vom Programm des Ashrams ab. Sind Gäste im Haus, gibt es Zusatzprogramme und auch spezielle Anlässe verändern die Struktur.

Das Essen

Es gibt die große Essenshalle mit Küche. Hier treffen sich alle dreimal täglich zum gemeinsamen Essen. Es gibt traditionelle, lokale Küche, immer frisch und üppig in der Auswahl, vegetarisch und glutenfrei für alle. Gegessen wird im Schneidersitz an kleinen Tischchen auf dem Boden. Vor jeder Mahlzeit wird das Bhojan Mantra gesungen, ein Sechszeiler in Hindi, der das Essen ehrt und mit Dank erfüllt. Das Trinkwasser könnte übrigens nicht besser sein! Frischer Monsunregen wird direkt dem Brunnen entnommen und noch einmal durch mehrere Siebfilter gereinigt, eine einmalige Quelle!

Yoga

Yogastunden/ Meditation gibt es zweimal täglich, morgens und nachmittags. Die große Yogahalle ist komplett aus Marmor und damit ein wunderbarer Rückzugsort aus der Hitze. Tagsüber sind es hier immerhin schon 45°C! In den Morgenstunden findet der Unterricht manchmal auf dem Dach statt, zu besonderen Yogaklassen muss man dafür auch schon mal 4:30 Uhr aufstehen. Neben den Hauptlehrern Shree und Guruji gestalten auch andere Yogalehrer das Programm. Je nach Wochentag bedeutet dieses Ashtanga, Pranayama, Shivananda, Hatha-Yoga, Yoga Nidra, Vinyasa oder Yogatherapie. Die Yogalehrer kommen aus Südafrika, Israel, Deutschland, Amerika, England und Australien und bringen die verschiedensten Einflüsse mit. Für mich findet hier gerade eine echte Entdeckung statt! Übe ich mich seit vier Jahren recht unregelmäßig in den Asanas, finde ich hier gerade echte Inspiration, in die ganze Materie der Yogaphilosophie einzutauchen…

Was ist Karma Yoga?

In Sanskrit bedeutet Karma „tuen“ (machen) oder „Arbeit“. Alles, was wir machen, egal ob geistig oder körperlich, ist Karma. Alles hinterlässt eine Spur in uns. Unser Charakter setzt sich aus Karma zusammen, egal, ob wir an frühere leben glauben oder nicht. Karmayoga ist also Karmaarbeit, selbstloses Tun, arbeiten oder dienen, jeder, so gut er eben kann, frei von Erwartungen, Vorstellungen und Leistungsansprüchen. Alle anfallenden Arbeiten, die wir im Ashram erledigen, sind für uns Karmayoga – Küchenarbeit oder gärtnern, Wäsche waschen, kehren, putzen, ernten, Gästezimmer pflegen, Englisch unterrichten, Kinder betreuen usw. Wem das alles nicht zusagt oder wer sich außerdem gern noch anderen Dingen widmen möchte, der ist hier frei. In diesem Ashram gibt es eine Position als Artist in Residence, aber auch eigene Projekte sind immer willkommen. Meine Lieblingsthemen zu alternativen pädagogischen Ansätzen und Zwerggeflüster konnte ich hier z.B. wunderbar im Kinderprogramm einbringen – und viele andere konnten das auch.

Das Ashramleben mit Kind

Als Familie mit Kind waren wir hier die ersten Gäste. Nicht nur für uns als Eltern war es eine unglaublich schöne und bereichernde Erfahrung, zu sehen, wie sehr sich so ein Umfeld auch auf Kinder auswirken kann, positiv! Manou war dafür das beste Beispiel. Die Menschen im Ashram sind sehr offen und für unser Kind wurden alle Arbeiten, die wir zu tun hatten, schnell zur Gewohnheit. (Schon in Deutschland wollte Manou oft mit zur Arbeit kommen und hat sich in der Zeit ihre eigenen Beschäftigungen gesucht.) Zwischen ihr und vielen Menschen entstanden Bindungen, die es uns ermöglichten, nicht die einzigen Bezugspersonen für unser Kind zu sein. Der Gärtner, der Feuermann, die zwei indischen Köche und die alte Frau Nanu, der Guru und der kleine Lakschidt vom Kuhstall, aber auch die anderen Karma Yogis und Gäste haben sich bei Manou stark eingeprägt und waren wie eine große Familie ständig um uns herum. Manou kommuniziert auf ihre ganz eigene Art mit jedem von ihnen und erlebt englisch, wie schon vorher auf reisen, als zweite Sprache. Sie liebt die Rituale wie die Puja, bei der es immer viel Musik gibt und nach der man jedes Mal drei Runden um den Tempel läuft.

Zu den Yogastunden am Morgen kann nur einer von uns Eltern gehen und damit wechseln wir uns ab. Manou lassen wir schlafen. Ihr Schlaf war uns immer heilig und kamen wir am Anfang deshalb noch zu spät zum Frühstück, wacht sie mittlerweile sogar früher auf und kann es kaum erwarten, bis es endlich los geht. An das Essen musste sich Manou erst gewöhnen, aber eine kleine Portion extra zu kochen, ist an so einem Ort natürlich kein Problem. Eine Besonderheit sind jedoch die Yogastunden am Nachmittag. Manou breitet ihre Yogamatte selbstverständlichinmitten aller Teilnehmer aus, legt sich ein paar Spielsachen, etwas zu essen und zu trinken bereit und taucht für 60 bis 90 Minuten komplett in ihre eigene Welt ab. Wer denkt, Kinder in diesem Alter seien zu klein für solche Sachen? Auch wir mussten das alles erst einmal ausprobieren und die ganze Entwicklung ist natürlich ein Prozess, jedoch für alle, die daran teilnehmen.

Meine Schlussgedanken

Am ersten Tag früh aufzustehen, war hart für mich. Ich bin von Natur aus ein Langschläfer und mag die gemütliche Morgenroutine. Doch die Struktur des Ashrams wird schnell zur Gewohnheit, von der ich nun, nach zwei Monaten nicht mehr wegkomme. Ich weiß noch nicht, wie ich es mache, wieder draußen, in der Welt mit Geschäften, Wohnungen, Restaurants, Autos, vielen Menschen, Motorgeräuschen, Lärm und Gestank. Die Ruhe und die Rituale sind das eine. Das gesunde Leben ist das andere. Fast alle, die hier hergekommen sind, wurden erstmal krank und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum das so ist. Dénes ist der Meinung, dass unser Körper diese Fülle an Nahrung, an Energie und echter Bioinformation gar nicht gewöhnt ist und erst einmal (wieder) lernen muss, für sich zu verarbeiten, auf körperlicher und geistiger Ebene. Für mich klingt das logisch. Das Essen ist immer frisch, kommt zum größten Teil aus dem Garten und enthält 100% verwertbare Bioenergie. Wasser ist ein essentieller Bestandteil des Körpers und könnte nirgends besser sein, als man es hier täglich frisch zu trinken bekommt. Meditatin und Yoga täglich sind echte Körperarbeit, die hier schnell selbstverständlich und zum natürlichen Bedürfnis wird, eine nachhaltige und natürliche Formung für Body and Soul. Die Luft an diesem Ort ist ganz klar und rein, das funkelnde Sternenzelt sieht man hier jede Nacht.

Alle Arten von Drogen, Nichtvegetarisches Essen oder auch Grobheit mit Tieren und Pflanzen sind im Ashram verboten. Kühe, Ziegen, Hunde, Katzen und Pfaue laufen frei herum und werden mit den überschüssigen Resten der Mahlzeiten gefüttert.

Der Ashram erinnerte uns irgendwann auch an eine Seifenoper – mit all seinen Charakteren, Höhen und Tiefen. Gute Zeiten, schlechte Zeiten, auch an so einem Ort! Und damit gleichsam ein Spiegel der Draußenwelt. Wie im großen so im kleinen! Selbstverständlich bringt jeder seine Probleme auch mit hier her und die Herausforderungen des Alltags sind ebenso die gleichen…

Die anderen Volunteere, die mit uns zusammen hier waren – und in drei Monaten haben wir viele kommen und gehen sehen – waren allesamt sehr junge, offene, interessierte und spirituelle Menschen, die gern reisen und genau soetwas gesucht haben, Ruhe und Struktur, Frieden, Yoga, Gemeinschaft und sich selbst. Ich möchte am liebsten all unsere Freunde einmal an diesen wunderbaren Ort bringen und kann nur jedem empfehlen, diese Erfahrung einmal zu machen. Für uns war es nun schon der zweite Ashramaufenthalt als Familie mit Kind und wir haben bereits weitere solcher Orte auf unserer Liste stehen. Für mich ist der Ashram schon jetzt zu einer wunderbaren, alternativen Lebensform geworden, die ich besonders Menschen mit Kindern ans Herz legen möchte.

Om Shanti.

 

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