Reisen auf zwei Rädern – ein Plädoyer ans Radfahren

Meine erste Radreise unternahm ich mit 15. Meine Freundin Mimi und ich fuhren den Donauradweg von Passau nach Wien, allein, ohne Eltern. Daraufhin folgten noch zwei Sommer gemeinsamen Radfahrens: das Jahr darauf nach Paris und durch die Normandie und zuletzt eine kleinere, schöne Tour durch Sachsen. So sehr ich diese Freiheit schon damals genossen habe, überkam mich danach erstmal keine große Lust mehr, aufs Fahrrad zu steigen. Genauer gesagt war es eher das campen. Immer draußen schlafen und Zeltluft war damals nicht mehr so mein Ding. Aber mittlerweile kenne ich auch dafür ein paar Alternativen (die du in meinem Artikel Übernachten auf Reisen – 15 Möglichkeiten fürs schlafen unterwegs) nachlesen kannst. Der beste Tipp daraus ganz besonders für Radreisende ist die Plattform Warmshowers!

Vor gut zwei Monaten habe ich mich nun erneut aufs Fahrrad geschwungen! Diesmal aber ganz anders. Mit einem Fahrradanhänger und ziemlich viel Gepäck sind wir im August auf eine längere Fahrradtour gestartet. Warum? Es hat mich erneut gepackt und nachdem ich immer schon gern gereist bin, wollte ich diese Alternative noch einmal neu ausprobieren. Den letzten Anstoß für dieses Vorhaben – von Mannheim bis nach Ibiza – fand ich in einem Buch von Tilmann Waldthaler, der mit seinem Fahrrad über 30 Jahre lang die ganze Welt bereist hat. Als gelernter Konditor hat er sich an jedem Fleck der Erde sein Brot verdient, bis er wieder weiterzog, um Neuland zu erkunden. Das Buch Sieh´diese Erde leuchten kann ich nur jedem ans Herz legen, der Fernweh leidet. Es ist eine Reminiszenz an die Schönheit unseres Planeten und zeigt, wie man sogar bis in die (Ant-)Arktis gelangt. Tilmann lebt heute in Australien.

Warum aber Fahrrad fahren und sich einen abstrampeln, wenn es doch auch einfacher geht, gerade heutzutage, wo Flüge so günstig sind und man schnell im warmen ist?

Ganz einfach. Wenn ich auf dem Fahrrad sitze und mir der Wind entgegen pfeift, die Sonne auf mein Gesicht strahlt und ich den Duft der Bäume, Wiesen und Felder atmen kann, fühle ich mich: FREI! Dieses Freiheitsgefühl ist ein ganz besonderes und nicht zu vergleichen mit einer Auto-, Zug- oder Flugzeugreise. Mit dem Fahrrad bin ich immer an der frischen Luft, kann die Wege fahren, die mir gefallen, bin mobil aus eigener Kraft (oh ja, das tut gut!), richte mich nach meinem Tempo (auf der Autobahn muss ich rasen und bei einem Flugzeugstart kommen meine Bauchorgane nicht hinterher) und kann so oft stoppen, wo und wann ich will. Für mich ist Fahrradfahren gerade die ultimative Reisemöglichkeit. Nichts geht einfacher, umweltschonender, flexibler und kostengünstiger.

11 Top-Gründe fürs Radfahren: biken ist…

  • mobil und beweglich – du kannst gemütlich fahren und dir alles anschauen, was du willst, stoppen, wann und wo du magst
  • gesund – du bist die ganze Zeit draußen und kannst viel von der Landschaft sehen
  • günstig – es kostet dich nichts (außer ein paar kleine Reperaturen an deinem Fahrrad)
  • wendig – im Gegensatz zum Auto kannst du auch kleine Seitengässchen und Feldwege passieren und bist dabei immer schneller als zu Fuß
  • Freiheit pur: du bist damit komplett unabhängig
  • dynamisch: wie beim Yoga hältst du damit deinen ganzen Körper vital und beweglich, dafür kannst du sogar gemütlich treten und spürst keine lästigen Muskelkrämpfe
  • umweltfreundlich und ökologisch: frei von Benzin und CO²
  • flott: wenn du willst, gut planst und wenig Gepäck hast, schaffst du damit auch längere Distanzen (mit 50 km am Tag radelst du in einer Woche 350 km)
  • kinderfreundlich: angenehmes Tempo, Frischluft (gegen Übelkeit), viel Platz für Spielzeug, Kissen und Lieblingskuscheltier im Anhänger – nur ein paar Gründe fürs Radreisen mit Kind
  • alternativ: es gibt viele tolle Strecken und Ideen für Radreisende, super Ausrüstung und noch unentdeckte Möglichkeiten
  • easy: du kannst jederzeit losfahren – pack´dein telefon, bargeld, eine kreditkarte, zahnbürste und was zu trinken ein, los geht´s

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Was aber, wenn…

Jaaaa, mit kleineren Unfällen muss man rechnen. Sie können immer passieren und sind im Gegensatz zum Flugzeugabsturz oder Autounfall eher harmlos. Wenn man sich eine längere Strecke vornimmt und ganz auf sich allein gestellt ist, kann man außerdem ein paar Tools einstecken, mit denen man schnell wieder fit ist. Wir selbst hatten bisher Glück, dass nichts außergewöhnliches dazwischen kam, außer: ein Kettenriss. Wenn die Kette abspringt, kann man sie ja leicht wieder auffädeln, in unserem Fall war sie jedoch gerissen. Mitten im Nirgendwo hatten wir hier Glück im Unglück – mit nur einem einzigen Werkzeug, was ich daher jedem absolut empfehlen kann.

PicMonkey CollagetoolDieses Multitool kostet nur wenige Euros und gibt es z.B. bei Decathlon.

An diesem Multipräparat ist einfach alles dran, was irgendwie an deinem Rad zum Einsatz kommen könnte. Und eben auch dieses glorreiche Kettenreperaturwerkzeug. Ohne dieses wären wir damals richtig aufgeschmissen gewesen!

Generell ist so ein Fahrrad stabilder, als man denkt. In unserem Fall sind wir mit einer sehr guten Ausrüstung unterwegs, denn wir wollen eine recht lange Strecke bewältigen und haben vor allem überdurchschnittlich viel Gepäck. Gefühlt ist unser ganzer Hausstand mit unterwegs, einschließlich Instrumente (Posaune, Violine und Ukulele). Und der Kinderfahrradanhänger – mit Kind – tut sein übriges.

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Ja, wir hätten auch einen Wohnwagen nehmen können. Aber dann fielen die schönen, oben genannten Vorteile weg. Und der durchschnittliche Radreisende ist wesentlich schlanker unterwegs als wir. Besonders in Frankreich sahen wir zu 98 % leicht ausgestattete Radfahrer, die sich spindelförmig mit dem Wind bewegten und immer ein freundliches „Bonjour!“ durch die Luft riefen.

Kinder unterwegs

Wir wussten anfangs nicht, ob so eine lange Reise überhaupt kindertauglich ist, bisher ist unser Kind nämlich nur im Kindersitz auf dem Gepäckträger dabei gewesen. – Überraschung! Unsere Tochter verbrachte mehrere Stunden täglich in ihrem neuen Anhänger, zufrieden, lachend, schlafend, aufgeregt. „Kühe!!!“ trifft man an jeder Straße, manchmal auch „Pferde!!!“ oder andere Überraschungen. Bergabfahren im Sausewind und dabei Mundharmonika spielen, malen oder Bücher anschauen und das kleine Kinderzimmer in den Pausen wieder schön ordentlich aufräumen, aus dem kleinen Fenster gucken und dabei etwas leckeres essen, … Für uns war das bisher eine wunderschöne Erfahrung, die wir jeder Familie nur empfehlen können.

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4 Tipps, die ich dir geben kann

Egal, was du vor hast – es gibt drei Dinge, die ich dir für deine Fahrradreise (nach gerade eigener Erfahrung) unbedingt ans Herz legen möchte, damit dieser Artikel auch seinen Sinn erfüllt und dich für diese Variante des reisens begeistert, sei es auch nur für den täglichen Weg durch die Stadt ins Büro. Für mehr Radfahrer!

  1. Wenn du vor hast, zu campen: hab´einen guten Schlafsack dabei! Auch im Herbst/ Winter scheint viel Sonne, doch in der Nacht ist es kalt, sehr kalt…
  2. Reduziere dein Gepäck – doppelt und dreifach! Du fährst nicht immer eben, sondern vielleicht öfter mal bergaufwärts.
  3. Recherchiere deine Route! Spontanität ist toll, doch bei langen Trips können zehrende Streckenabschnitte schnell ermüdend sein. Ein Radführer ist goldwert
  4. Bau dir eine Zwischenschaltung an den Lenker, um mit einem USB-Kabel dein Handy aufzuladen! Dieser Tipp eines guten Freundes war für uns einfach grandios! Bauanleitungen findest du z.B. auf youtube.

Travel around the world with your bike

Es gibt viel mehr Leute, als man denkt, die allein mit einem Fahrrad große Distanzen zurücklegen oder sogar ganze Kontinente bereisen. Bei einem von ihnen sind wir – welch ein Zufall! – während unserer Reise sogar gelandet: Chris Billeque war ganze sieben Jahre auf diese Weise unterwegs und hat seine Erinnerungen und Fotos in dem Blog Nomadno festgehalten. Auch Carsten Janz ist so ein Mensch. In seinem Buch Beinhart befindet sich gleich im Einband eine Weltkarte mit Graphik der Strecken, die er zurückgelegt hat.

 

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