Tofu oder Schlange – ein anderer Blick aufs Essen

Interessanterweise werde ich immer mal wieder in Diskussionen übers Essen verwickelt. Essen und Ernährung scheint viele Leute sehr zu beschäftigen und ich frage mich oft, warum das so ist. Vielleicht ist es wirklich ein sehr persönliches Thema, da es jeden unmittelbar, am eigenen Körper, betrifft. Auch für mich selbst war es jahrelang sehr wichtig. Doch meiner Meinung nach machen wir uns alle viel zu viele Gedanken übers Essen…

Die Qual der Wahl
Zunächst einmal: es gibt soooo viele verschiedene Arten zu essen: vegetarisch, vegan, gluten- oder zuckerfrei, rohköstlich, ayurvedisch, 5 mal am Tag, 3 mal am Tag, … Im Flugzeug hat man außerdem noch die Auswahl zwischen kosher, hinduistisch, asiatisch-vegetarisch, Kinder- oder Babymahlzeit, laktosefrei uvm.
Ich persönlich wurde ernährungstechnisch überhaupt nicht “erzogen”. Bei uns gab es immer alles (meine Mutter weigerte sich jedoch strikt gegen Cola, Fanta und Sprite) und meine Ernährung bestand von zu Hause hauptsächlig aus zwar frisch gekochtem, aber auch viel (Fisch-) Fleisch, Wurst, Eiern, Milchprodukten und Süßem, ja, auch öfter mal Fertigprodukten. Mit 13 wurde ich ein richtiger “Backfisch” und probierte dann, als Teenager, viele Diäten. Ich war häufiger krank und litt v.a. an Eisenmangel.
Seit ich sechzehn bin, also nun 12 Jahre, ernähre ich mich vegetarisch und seit etwa drei Jahren nahezu vegan. Als Mutter bekomme ich daher besonders oft zu hören: “Ernährst du dein Kind etwa auch vegan??”

P1040213zwei Essen in Laos für insgesamt etwa 3 Euro

“Veg-“
Was du isst, scheint mir heutzutage fast so ein Bekenntnis wie sexuelle Lebensweisen. Schwul oder lesbisch zu sein ist immer noch nicht so ganz normal, genau so wenig wie vegetarisch oder vegan zu sein. Aber: Dogmatismus finde ich auch nicht gut! Ich erinnere mich z.B. noch sehr gut an ein Erlebnis als frischgebackene Vegetarierin. Eine Freundin lud uns zum essen ein und hatte zum muslimischen Feiertag eine Fleischsuppe gemacht. In ihrer bescheidenen Wohnung machte sie sich so viel Mühe für uns, dass ich es nicht übers Herz brachte, ihre Suppe zu verweigern… Soetwas könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen. In Malaysia habe ich gesehen, wie Leute auf dem Land ein Huhn schlachten. So grausam ich das finde, muss ich doch sagen: würde jeder Fleischesser sein Schnitzel selbst erlegen – es gäbe schon weniger Tierleid. Und doch, ich töte auch Würmer, Käfer und Ameisen beim umgraben im Garten oder auf dem Gehweg… So ganz vegan geht es so gesehen also nicht, aber es gibt ja nicht nur schwarz oder weiß.

Was ist Essen?
Essen soll eigentlich nur unseren Körper erhalten, ist also ein Lebensmittel und muss damit auch so beschaffen sein, dass es diese Aufgabe erfüllen kann. Für mich gibt es mittlerweile nur wenige, einfache Kriterien. Mein Essen soll
– so natürlich und unverarbeitet wie möglich sein
– pflanzlich
– frei von Industriezucker
Warum? Weil ich finde, dass du bist, was du isst. So, wie alle Objekte und Dinge Schwingungen aussenden, fühle auch ich im Essen eine ganz bestimmte Energie. Fertigprodukte, viel Teig und Zucker machen mich einfach müde und träge, danach komme ich schwerer in Bewegung. Frisches hingegen macht mich wirklich satt, vital und ich fühle mich energiereich und stark. Meine Hausregel Nr. 1: es wird nichts weggeschmissen! Und was den Zucker betrifft: sugar is a drug! Man glaubt es nicht und ich ernte oft Schmunzeln, wenn ich meinem Kind erkläre, dass Zucker genau wie Alkohol, Zigaretten &. Co. eine Droge ist, die süchtig macht. Aber dazu kommt wohl nochmal ein extra Artikel…).

Essen unterwegs
Auf Reisen werfe ich diese Regeln jedoch etwas über den Haufen. Nicht in jedem Land gibt es diese riesige Auswahl an tollen Lebensmitteln. An gesunden, qualitativ hochwertigen Produkten aus Biomarkt oder Reformhaus sind wir in Deutschland sehr verwöhnt. In Afrika hingegen sorgt jeder dafür, dass er am Tag wenigstens zu einer (warmen) Mahlzeit kommt (nie könnte so jemand verstehen, dass manche Leute sich ihre üppigen Mahlzeiten im Fitnessstudio wieder abtrainieren). In Südkorea habe ich wochenlang nur Reis mit Kimchi gegessen. Hier in Malaysia wird fast alles frittiert und Obst z.B. ist sehr teuer. Aber ich bin versorgt.

P1030594frische Kokosnuss

Permakultur
Auf der Farm in Frankreich, wo wir uns zuletzt aufhielten, wird einfach alles verwertet, alles! Die Reste vom Vortag fügen sich zu einem neuen Rezept. Reste vom Teller wandern in den Abfall für Tiere. Alles, was auch die Tiere nicht fressen – Strunk, harte Schalen – wandert auf den Kompost. Nuss- und Knoblauchschalen werden Mulch, Kerne wieder eingepflanzt, Körner und Samen mögen die Hühner … Einmal im Monat wird eins der Hühner vor dem Haus getötet, selbst, nur mit eigenen Händen. Die Hühner führen ein Draußenleben im Wald und auf dem Feld und bekommen jeden Tag ein abwechslungsreiches Essen aus verschiedenen Körnern, Obst, Gemüse und Salat – noch essbare Wegwerfware der Supermärkte, aus der Mülltonne gerettet.
Einmal habe ich gesehen, wie Chris, dem die Farm gehört, eine tote Natter brachte, die er am Wegrand gefunden hatte. Er, Chris, sah es als sinnvoll an, das Tier nun auch zu essen, zumal es einerseits schon gestorben war – für nichts – und damit in seinen Augen andererseits eine wertvolle Mahlzeit darstellte. “Warum soll ich mir jetzt ein Hühnchen braten, wenn ich hier schon Fleisch in der Hand habe?” Er hat sich die Schlange also zubereitet und alles an ihr verwertet. Ich fand das wiederlich und könnte es nicht. Und doch: Respekt. Denn die Fleischesser, die ich kenne, gehen in den Supermarkt und kaufen Steak von gezüchteten Rindern, die nur dazu geboren wurden, um geschlachtet zu werden…

Essen für alle
Es gibt genug Essen auf der Welt und jeder weiß, dass es für alle reicht. Warum klappt es nicht? Das wissen wir! Massentierhaltung rodet den Regenwald, Monsanto & Co. beanspruchen Patente auf genmanipuliertes Essen, Bauern und Versorger sind eingeschränkt und wir alle kaufen durch unsere ungezügelte Essenslust all die Produkte mit den tollen Aufschriften und Farben, von denen wir wissen, dass sie das Rad am laufen halten (ja! Auch BIO hält das Rad am laufen!)… Das Problem außerdem: wir leben in so einer künstlichen Welt, die uns verbietet, sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen. Es gibt so viel zu tun! Aber wir essen so viel, snacken daußen im gehen und hocken dann weiter im Büro oder arbeiten zu Hause, wo wir unser Tun durch Kaffee & Co. Nach belieben unterbrechen. Viel Zeit vergeht dabei, jeder von uns verliert Zeit, etwas richtiges zu lernen, sinnvoll tätig zu sein, etwas zu machen, selbst schaffend zu kreieren und sich wirklich weiterzuentwickeln.
Obwohl ich eine rein pflanzliche Ernährung für optimal halte, würde ich sie nicht propagieren. Erstens bin ich weder perfekt darin, zweitens glaube ich, dass für jeden Körper etwas anderes ideal sein kann. Drittens bin ich der Meinung, dass das eigentliche Problem eher in dem oben beschriebenen liegt. Man kann sich im Essen und allem, was damit zu tun hat, nämlich genauso verlieren, wie in modischen Äußerlichkeiten oder Facebook.

Alternativen und Essen in Zukunft
Wenn wir uns eine schönere, lebenswertere Welt wünschen, kann jeder selbst damit anfangen. Beim Essen eben auch. Daher erachte ich es als enorm wichtig, das auch unseren Kindern zu vermitteln. Aber eben nicht in Form von peniblem Essen nach Plan, egal in welcher Form, aussortieren, vergammeln lassen, zu viel kaufen und dann wegschmeißen, im Gegenteil. Genau das soll ja aufhören. Man kann z.B., anstatt immer nur nach den Inhaltsstoffen zu schauen, auch mal versuchen, weniger Verpackung einzukaufen. Oder alle Verpackungen, die man eben mitkauft, zu verwerten! So dass man am Ende z.B. gar keinen Müll mehr hat. Nicht mehr einkaufen? Selbst anbauen (klein anfangen!) oder food sharing! Was für eine Freude, wenn es Sonntagmorgen um zehn wieder gemütlich mit dem Fahrrad zum Fairteiler geht, um all die liegen gebliebenen Croisseants und Baguettes einzusammeln, so ein Brunch erfreut Kinder, verschlafene Freunde und Nachbarn gleichermaßen! Und überhaupt könnten wir alle ein bisschen weniger essen, ist ja auch nachweislich gesünder (wenngleich eine Herausforderung) oder weniger in den großen Ketten einkaufen, das Essen mehr zelebrieren, weniger allein essen. Oder uns mehr von Kindern abgucken, die ihr natürliches Hungergefühl noch kennen. Wie viel ist unnötig, was braucht dein Körper wirklich? Wie viel isst du nur aus Lust oder Langeweile und was steckt wirklich hinter deinem Hunger?

P1020708ein Späti in San Sebastian

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