“Und, geht sie schon in den Kindergarten?”

Wir sitzen im Zug nach Bangkok und Manou schläft. Ich habe Zeit, um mal ein paar Gedanken zu der Frage, die mir in Deutschland fast täglich gestellt wurde, aufzuschreiben. Egal, wen wir unterwegs kennen lernen – beim Bäcker, auf dem Spielplatz, in der Straßenbahn – die Frage nach dem Kindergarten kommt immer ganz schnell. Aber warum? Warum ist das für alle so wichtig? Immer wieder habe ich mir Gedanken darüber gemacht, warum gerade das so interessant ist, denn man könnte ja auch fragen: “Und, hat sie schon viele Freunde?” oder “Na, kommt sie auch schon mit auf Arbeit?”

Hinter den Kulissen

Wenn Erwachsene sich kennen lernen, hört man immer: “Und, was machst du so?” Ja, lesen, schreiben, kochen, Yoga, Musik, …”. Aber das ist natürlich nicht gemeint. Man will wissen, womit oder wie der andere sein Geld verdient, wie er sein Leben bestreitet, wo er beruflich steht. Man vergleicht sich, schaut, ob es okay so ist, wie man selber alles macht, holt sich Bestätigung oder Selbstzweifel ab.

Ich sehe ganz selten Menschen, die nach außen hin absolute Zufriedenheit und Glück ausstrahlen. Die meisten Gesichter, die an mir vorbeiziehen, sind irgendwie angespannt, trocken, abgelenkt oder ernst. Das nicht immer alles Puderzucker ist und niemand dauerhaft mit Pfannkuchengesicht herumlaufen mag, meine ich nicht. Eher dieses Grundlebensgefühl, in absoluter Harmonie mit sich selber zu sein, Zufriedenheit und Zen. Das haben wir nicht.

Bei der Frage nach dem Kindergarten meine ich daher, bei allen, die mir diese stellen, eine Art Unsicherheit, ein Unwohlsein, zu spüren. Warum fragt ihr mich das ständig, was willst du mir damit eigentlich sagen, weshalb ist das für dich so wichtig? Oder anders: was ist das Problem. Ich glaube mittlerweile, so etwas wie: “Ich möchte mein Kind nicht weggeben, aber wir müssen doch (wieder) arbeiten – wie machst du es denn?” oder “Die Kindergärten heute sind doch alle kläglich, aber irgendwann muss es doch sein – oder nicht??”

Meine Sicht

Okay, also mal ganz ehrlich. Als Manou noch im Bauch war, wurde mir bereits mehrfach geraten, sie bloß früh in einer KiTa anzumelden, damit sie (noch) einen Platz bekommt, das wäre ja so eng. (Für mich war das schon immer Alien-Talk, damit habe ich mich überhaupt nicht beschäftigt). Da habe ich gerade eben mal so etwas wie diese Geburt hinter mich gebracht und soll dieses mühsam Herausgepresste schon wieder abgeben, in eine KiTa?!

Nach zweieinhalb Jahren habe ich einfach mal drei pro forma-Anmeldungen in drei schönen Kindergärten abgegeben, damit wir offiziell auch so etwas haben. Die drei habe ich natürlich sorgfältig ausgewählt. Und natürlich habe ich mir alle drei auch angesehen. Wir haben uns viele Kindergärten angesehen! Mit Manou. Mit meinem Mann. Mal ich allein. Und immer, wenn wir an einem vorbei gegangen sind.

Ich selbst bin, soweit ich das noch weiß, sehr gern in den Kindergarten gegangen. Wir haben Tischdeckchen aus buntem Papier geschnitten und Frau Berge hat immer wundervoll Gitarre gespielt. Mittwochs gab es sogar ein Englischangebot. Wir hatten ein tolles Außengelände in einer grünen, ruhigen Leipziger Gegend. Mein Bruder und ich durften, trotz eineinhalb Jahren Altersunterschied, in einer Gruppe sein und unsere Eltern haben sich sehr viel eingebracht. Ich kam mit fünf in den Kindergarten – und auch nur bis mittags. Bis dahin – und auch dann noch – war unsere Mutter den ganzen Tag zu Hause und es gab frisch gekochtes Essen, wenn wir kamen.

Der Hauptdarsteller

Manou ist ein fröhliches, sehr ernsthaftes Kind mit viel Witz und Charme. Sie hat Humor, tut aber nichts, um anderen Menschen zu gefallen. Fremden gegenüber ist sie entweder äußerst aufgeschlossen oder sehr skeptisch. Sie kann andere Charaktere sofort erspüren und ist – im Gegensatz zu mir – auch mal unhöflich. Manou lässt sich nichts gefallen und fremde Leute sind immer sehr angetan von ihr. Für eine Dreijährige wirkt sie in der Tat sehr reif. Sie entziffert gern Wörter und schreibt  – wie ich auch – bei jeder Gelegenheit Briefe, Karten und Notizen. Wie jedes Kind hat sie ganz verschiedene Interessen und begeistert sich für alles mögliche.

Ihre Begeisterungen konnten wir bisher mitverfolgen, wie Filme im Fernsehen (weshalb wir keinen Fernseher brauchen). Es gab u.a. die Bauernhofphase, die Puzzles, Ballett und Theater, die “alte Züge und Bahnen-Phase”, Pferde, Buchstaben und Schrift. Jede Begeisterung für eine Sache strahlte plötzlich wie ein Licht am Horizont. Als der Bauernhof mit all´den Tieren interessant war, sind wir eben immer aufs Land gefahren und haben uns Bücher darüber angesehen. Bei unserem Workaway-Aufenthalt in Frankreich haben wir schließlich selbst Feldarbeit geleistet, Hühner gefüttert, Kartoffeln geerntet und Mist zusammen getragen. Später waren wir in der Ballettschule ebenso Stammgäste wie im Kindertheater, wo Manou ein speziell auf sie zugeschnittenes, bis dahin nicht existierendes Abonnement erhielt.  In der Zug- und Bahnphase gab es den Besuch einer Eisenbahnausstellung, wir sind mit einer “alten” Bahn gefahren, mit dem Fahrrad immer extra an Brücken mit Blick auf die Schienen oder am Bahnsteig stehen geblieben und haben Züge in allen Büchern, auf Bildern und sonstwo entdeckt. Die Pferde haben uns längere Zeit zum Reiterhof geführt. Und seit ein paar Monaten entdeckt der kleine Mensch die Schrift für sich, wobei der Fokus eher auf Buchstaben, als auf Zahlen liegt. Musik machen und malen sind zwei Dinge, die sie ständig begleiten, aber wir unterrichten unser Kind weder in dem einen, noch dem anderen. Es sind unsere Hobbies, die sie sich automatisch abschaut und zueigen macht, aber auf ihre Weise.

Für uns ist es immer wieder eine Faszination, mit welcher Ernsthaftigkeit, Begeisterung und Energie dieses kleine Wesen Dinge in der Welt entdeckt und sich durch alles neue ständig zu einem anderen Menschen formt. Ich empfinde tiefen Respekt davor, wie (oft) weise, offen und vorurteilsfrei dieser Mensch ist und gebe mir alle Mühe, dies nicht zu zerstören. Manchmal sagt Manou Sachen, bei denen mir die Kinnlade offen steht. Dinge, die ihr niemand beigebracht hat, die ganz aus ihr selbst heraus kommen.

Alternativen suchen und finden

Die neue Generation steht mit ihren Kinderbeinen  auf einer Erde, die vor Krankheit und Angeschlagenheit nur so hustet. Sie steht vor Problemen, die wir nicht in der Lage sind, zu lösen. Ich glaube fest daran, dass es ein goldenes Zeitalter geben wird, eine grüne Revolution oder so etwas, doch die kann nur von Menschen geschaffen werden, die absolut frei sind, die neu denken können und deren Lebenssinn darin besteht, das Potential jedes einzelnen zu entfalten und gestaltend ins große Ganze einzubringen. Beispiele dafür gibt es schon genug.

Im Kindergarten könnte Manou sich nicht so frei entwickeln, wie sie es bisher glücklicherweise konnte. Im Kindergarten würde ihre Person u.U. in die erste Lebensschublade gezwängt. Wir haben viele Gründe, warum wir uns bisher (noch) nicht für den Kindergarten ausgesprochen haben. Allerdings ist das unsere ganz persönliche Meinung und die Entscheidung, die wir damit treffen, sollte niemand blind für sich übernehmen. Wenn man Manou fragt, ob sie in den Kindergarten möchte, sagt sie nein. Sie weiß natürlich, was ein Kindergarten ist und ist auch sehr gern unter Kindern. Aus einem Kindergarten wollte sie eines Tages gar nicht mehr raus (dafür am nächsten Tag aber auch nicht nochmal hin) und in einer anderen Waldkindergartengruppe durften wir zwei Tage mal “schnuppern”, was auch schön war. Wenn wir draußen sind, begegnen wir öfter Kindergartengruppen und manchmal begleiten wir diese auch. “Und wo sind die anderen Eltern?”, fragt Manou mich dann. Ich sage, dass sie auf Arbeit sind. – “Und warum müssen die Kinder in den Kindergarten?” – Diese Antwort hat mir ein netter älterer Herr einmal abgenommen: “Weil die Eltern arbeiten müssen!”

Manou wollte irgendwann mitkommen zur Arbeit und in der Musikschule war sie immer ein gern gesehener Gast. Sie möchte nicht in den Kindergarten, sondern lieber “zusammen sein”. Mit uns, mit unseren Freunden, dabei sein, sehen und mitmachen, was wir machen. Auf den Spielplatz gehen wir meistens nachmittags, wenn viele Kinder da sind. Auch auf unserer Reise, die wir u.a. deshalb unternehmen, weil wir uns ein Familienleben mit Kind noch irgendwie anders vorstellen.

Erklären möchte ich das alles aber niemandem mehr. Und wenn mich das nächste Mal wieder jemand danach fragt, sage ich vielleicht einfach mal: “Nein, sie ist zu beschäftigt und hat keine Zeit für den Kindergarten.”

 

Interessante Links:

Eine Alternative zum Kindergarten: Weltreise statt Kindergarten

Wie der Alltag ohne Kindergarten/ Schule aussehen kann: Geschichte eines glücklichen Kindes

Film zum Thema: Alphabet – Angst oder Liebe

10 Kommentare auf ““Und, geht sie schon in den Kindergarten?”

  1. Wunderbarer Beitrag. Ich habe tatsächlich auch angefangen, mich mit dieser Frage zu beschäftigen, als du oder Dénes es mir “erklärt” habt. Schon damals habt ihr gesagt, sie darf es selbst entscheiden. Für mich war das neu und zugleich großartig, weil ich bis dato nur Eltern kennengelernt hatte, für die es eine Selbstverständlichkeit war, das Kind diese “Leiter des gesellschaftlichen Lebens” aufsteigen zu lassen – ob es will oder nicht, schließlich kann ein Kind nicht für sich entscheiden. Aber das ist Quatsch.

    …. ich finde es wundervoll, wie ihr das macht.
    Auf jeden Fall denke ich auch viel darüber nach, wie ich mein Kind durchs Leben begleiten würde. Fakt ist: das Leben ist kurz, die Kindheit kann im nächsten Augenblick vorbei sein. Wenn Eltern die Möglichkeit haben, viel Zeit mit dem Kind zu verbringen…ist es das schönste auf der Welt.

    1. Das sind ganz liebe Worte von dir, Julia, vielen Dank. Letztendlich ist das ja (im Moment) nur unser Weg, aber es gibt so viele. Du wärst eine tolle Mama!!!

  2. Meine Große hat diese Frage damals meist selbst mit einem strahlenden “Ich gehe nicht in den Kindergarten!” entkräftet, da war oft Ruhe. Bei den beiden anderen hat dann schon keiner mehr gefragt 😉 Bzw mit den Jahren hatten wir uns dann ohnehin ein Umfeld geschaffen, in dem das einfach ok ist.

    1. Hey Lena, das stimmt, das Umfeld ist absolut entscheidend und man muss es sich selbst schaffen. Ich bin froh, dass es immer mehr in diese Richtung läuft. Liebe Grüße

  3. Ein wirklich schöner Text. Mein Herz wurde ganz warm, als du von der “grünen Revolution und dem goldenen Zeitalter” geschrieben hast. Daran glaube ich auch ganz fest. Ich habe deinen Blog erst neu entdeckt und lese seitdem immer mit. Sehr sympathisch! Ganz liebe Grüße
    Leen von Aufbruch zum Umdenken

    1. Hallo Leen, ich danke dir! Schön, dass du dich hier wohlfühlst, ich gebe mir alle Mühe, dem Zeitalter durch meine Texte ein Stückchen näher zu kommen und: du bist mir auch sympatisch 😉 Viele liebe Grüße

  4. Hallo Louise. Unser Sohn (2 1/2 Jahre) geht auch nicht in den Kindergarten und das soll auch so bleiben. Meiner Meinung nach spielen die Kinder bis sie ca. 3 Jahre sind so gut wie nie miteinander sondern eher nebeneinander her. Ich genieße es jeden Tag ihn aufwachsen und gedeihen zu sehen. Super Artikel, vielen Dank dafür! Lg Melanie

    1. Hey Melanie, das stimmt. Vielmehr ist es erwiesenermaßen ja sogar so, dass Kinder “nur” auf diejenigen zugehen, die selbst gerade spielen. Und das sind in den meisten Fällen nunmal die Kinder, schließt aber spielende Erwachsene nicht aus. Was in den Kindergärten praktiziert wird, ist meiner Meinung nach eine Katastrophe… LG

  5. Hallo,
    ein schöner Artikel! Wir sind ebenfalls Selbstbetreuer und ich bin auch immer wieder erstaunt, wie oft diese Frage gestellt wird! Unsere Tochter antwortet dann immer selbst, dass sie nicht in den Kindergarten geht und auch nicht gehen wird. Die Reaktion darauf ist oft erstaunlich; meist fällt dem Gegenüber sprichwörtlich “die Kinnlade herunter”. Und dann kommt ein erstaunter Blick in meine Richtung 😉 Dabei ist es für uns einfach ganz normal (und sehr, sehr schön), so wie es ist.
    Liebe Grüße, Lisa

    1. Hallo Lisa, genau das ist der Punkt – es ist ganz “normal” und schön. Und viele andere können diese Freiheit auch haben. LG

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