Warum ich seit 23 Jahren Briefe schreibe und auch niemals damit aufhören werde

An meinem Geburtstag 1995 kam der erste Brief meiner Freundin Julia zu mir. Julia ist damals, genau wie ich, sieben Jahre alt geworden, eine Woche vor mir. Für sie begann damals die zweite Klasse. Ich selbst wurde zu dem Zeitpunkt eingeschult.

Julia und ich haben uns in Norddeutschland kennengelernt, wo unsere Eltern ein kleines Bootshaus haben und jeden Sommer etwa zur gleichen Zeit mit uns Kindern Urlaub machten. Als wir uns dort das erste Mal trafen, müssen wir uns recht schnell angefreundet haben, zummindest sahen wir uns seitdem jeden Sommer, genau dort, im Bootshaus.

Zusammen haben wir die tollsten Sachen unternommen. Wir konnten baden, Fahrrad fahren, Schätze finden und Schätze vergraben, Ausflüge in unser geliebtes Café Ginkgo machen, Hütten bauen, zu den Dorffesten gehen, im Wald spielen, zu den Pferden und Kühen gehen, reiten, Wassertreter fahren und vieles mehr. Einmal wollten wir ein Floß bauen und haben dazu riesige Reifenschläuche aus den landwirtschaftlichen Betrieben besorgt. Ein anderes Mal bin ich in einen Brennnesselgraben gefallen, weil ich unseren Schatz – ein Schraubglas mit kleinen bunten Dingen drin – retten wollte. Er liegt höchstwarscheinlich noch heute dort vergraben, denn niemand steigt freiwillig in diesen Brennnesselgraben. An den Regentagen saßen wir oft den ganzen Tag – und es regnete manchmal sogar tagelang – in einem unserer Bootshäuser und haben gemalt oder gebastelt. Ganze Papierhäuser in 3D sind dort entstanden. Aber auch wirklich einzigartige Entwürfe an farbenfrohen Modekollektionen.

Mittlerweile liegt das nun genau 23 Jahre zurück. Bis vor wenigen Jahren haben wir uns tatsächlich immer in den Sommerferien im Bootshaus getroffen (teilweise haben wir dorthin sogar die bis dahin gesammelten Briefe mitgenommen, um sie uns wieder anzusehen) und uns das Jahr hindurch Briefe geschrieben. In unseren Bestzeiten kamen die Briefe sogar im Wochenabstand an. Und in diesen Bestzeiten waren die Briefe dick wie kleine Wundertüten, denn – mit etwa 13 Jahren – kam eine Besonderheit hinzu: die kleinen selbstgemachten Zeitungen. Julia und ich schickten uns nun nicht mehr nur Briefe durch die Gegend, sondern in ihnen auch kleine Zeitungen. Diese enthielten neben Witzen, Kochrezepten, Modekollektionen, Comic-Stories, Gesundheits- und Beautytipps, Tee- und Kosmetikproben auch noch etwas besonderes: ein Extra! Ganz nach unseren Mädchenheft-Vorbildern (Julia las damals durch ihre ältere Schwester bereits die “Mini”, dann die “Girl” und ich übernahm diesen Trend für mich mit den Zeitschriften “Arielle” und “Mädchen”) packten wir in unsere kleinen Din A7-Hefte alles, was in eine richtiges Teenieblatt hineingehört.

Warum ich nicht mehr ohne das Briefe schreiben leben kann

Unsere Briefe wanderten jahrelang zwischen Leipzig und einem kleinen Ort an der polnischen Grenze hin und her. Später wurde daraus die Poststrecke Leipzig-Berlin und schließlich zogen wir beide in verschiedene Städte nach Westdeutschland, wo die Schreiberei munter weiter ging. Wir studierten und hatten außerdem das Reisen für uns entdeckt, weshalb die Entfernungen immer öfter immer größer wurden. Nachdem wir immer wieder umzogen und Julia schließlich ihre Weltreise unternah,wanderte unsere Post dann wirklich um die ganze Welt.

Ostern, Weihnachten, an den Geburtstagen und von kleineren Reisetripps gab es meist Karten oder auch dickere Päckchen, ansonsten längere Briefe im Briefumschlag – mit vielen Extras. Bei den Extras oder “Beilagen” im Brief handelt es sich – immer noch und meist – um Tee- oder Kosmetikproben, Ausschnitte besonders lesenswerter Artikel aus Zeitschriften, Rezepte, alte Eintrittskarten oder Bordtickets und allem, was flach ist und dadurch gut in einen Brief passt.

Julia ist letztes Jahr in die USA umgezogen. Sie hat eine steile Karriere hingelegt und arbeitet inzwischen bei einer der größten Beratungsunternehmen Europas. Ich habe einen künstlerischen Weg eingeschlagen und zusätzlich zur “brotlosen Kunst” auch noch ein Kind bekommen. Unsere Lebenswege haben sich also total unterschiedlich entwickelt und doch verbindet uns selbst nun, mit 30 Jahren, immer noch einiges: unsere gesamte Kindheit und Jugend bzw. all die Sommermonate im Bootshaus, die Leidenschaft fürs Reisen und die Welt entdecken und: unsere Briefe.

Warum es sich lohnt, Briefe zu schreiben

Wenn ich Julia Briefe schreibe, führe ich eigentlich Tagebuch. Es ist irgendwie sogar, als würde ich an ein lebendiges Tagebuch schreiben, denn es kommt ja tatsächlich immer eine Antwort zurück! Und gleichzeitig teilt auch sie mir in dieser Form fast lückenlos mit, was in ihrem Leben so alles passiert. Früher habe ich die Briefe alle numeriert und sie in Kisten archiviert. Julia tut das auch. Gab es ein rundes “Jubiläum”, haben wir uns gegenseitig sogar Urkunden ausgestellt, z.B. für den 100. Brief, den 200., 300. usw.

Foto: der 100. Brief vom 12. Februar 2001.

Im letzten Jahr habe ich das Briefe schreiben gewaltig schleifen lassen. Die Zeit verfliegt und immer mal wieder flattert ein Brief von Julia in mein Haus – ich bin absolut im Rückstand! Doch ich merke, wie es mir fehlt. Ich muss es wieder aufholen und will das Briefe schreiben wieder absolut zur Gewohnheit machen, so, wie es all die letzten Jahre war. Mittlerweile und besonders im digitalen Zeitalter wäre unsere Brieffreundschaft sogar eine Story wert. Und ich weiß ganz genau, dass wir uns auch noch in den nächsten 30 Jahren schreiben werden. Es könnte uns höchstens die Post zuvorkommen, sollte sie vor haben, sich selbst abzuschaffen und die gesamte Kommunikation in den virtuellen Raum zu verlagern…

Warum du dir angewöhnen solltest, Briefe zu schreiben

Ich glaube, Briefe haben Trendpotenzial. Ähnlich wie Fächer. Fächer sind so einfach und schlicht, sie sind extrem praktisch und leicht zu bedienen, passen außerdem in jede Handtasche und können farblich in einer unglaublichen Vielfalt auftreten, was ihr Muster und Design betrifft. Auch Briefe könnten meiner Meinung nach wieder in Mode kommen, denn wenn es irgendwann völlig normal ist, dass selbst Rechnungen und Behördenbriefe nur noch als E-Mail versendet werden und lediglich die alte Post- oder Glückwunschkarte übrig bleibt, dann ist so ein handgeschriebener Brief wirklich etwas ganz Besonderes.

Wenn man bedenkt, welche Art Post wöchentlich in tausenden Briefkästen – ein Glück, dass es die Kästen noch gibt! – landet und auch, welche Gefühle sie dabei auslösen, dann wäre es sogar wichtig und nötig, wieder viel mehr von Hand zu schreiben und Persönliches zu verschicken. Für mich ist jeder fertige Brief ein kleines Kunstwerk, denn in ihm steckt viel Liebe, Zeit und Arbeit. Jeder Brief trägt seinen eigenen Geruch, seine individuelle Bemalung und Aufschrift, ist farblich immer wieder neu abgestimmt und jedes Mal anders zusammengestellt. Der Schriftinhalt ist spannender als jede Tageszeitung und sowohl das selbst-verfassen als auch erhalten ist ein absolut bewusster und besonderer Teil des eigenen Lebens.

Julia und ich hatten uns irgendwann einmal vorgenommen, nur in Ausnahmefällen auf elektronischem Weg zu kommunizieren. Unser Briefeschreiben wurde selbst durch Internet mit E-Mail, Facebook, What´s App & Co. nicht abgelöst und besonders angesichts der immer stärkeren Entwicklung in diese Richtung lege ich viel Hoffnung in handgeschriebene Briefe. Zummindest kommt es mir hier nicht so vor, dass man unsere Briefumschläge öffnet, durchliest, vielleicht sogar abfotografiert und irgendwo speichert. Und auch vom Stromnetz sind sie nahezu unabhängig, denn ein Text auf Papier hält zeitlich etwas länger , gleichzeitig ist er so viel persönlicher und hat dadurch eine ganz andere Energie.

Besonders in letzter Zeit kommt mir immer öfter der Gedanke, mir ein kleines Adressbuch zuzulegen, da ich das Gefühl habe, dass sich im Hinblick auf die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen die Menschen immer mehr verteilen. Äußere Einflüsse wie Naturkatastrophen oder Attentate, die das Stromnetz lahmlegen, könnten uns einfach voneinander abschneiden und unsere Verbindungen physischer Art trennen. Wer weiß denn heute schon noch genau, wo er den anderen findet, die meisten Menschen wissen ja nicht einmal den Nachnamen ihrer Freunde, sollten sie überhaupt noch wissen, wer jetzt eigentlich genau “Freund” in ihrer Facebookliste ist.

Das ist jetzt natürlich ein bisschen übertrieben, doch ich meine es trotzdem ernst. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen untereinander wieder mehr Briefe schreiben und damit ein Stückchen Kreativität und Liebe in ihren Alltag bringen. Es macht so viel Spaß, diese kleine persönliche Post zu basteln und ist fast noch schöner, selbst welche zu bekommen! Vor vielen Jahren gab es von der Post noch das vierteljährlich erscheinende Heft namens letter mag. Natürlich hatten Julia und ich das abonniert, denn darin im Mittelteil befand sich eine Doppelseite mit interessanten Brieffreundschaftsgesuchen aus aller Welt. Leider wurde das Heft irgendwann abgeschaft.

Mit Sicherheit gibt es den ein oder anderen Briefschreibclub oder sogar Unternehmen, die sich professionell um Postangelegenheiten für andere Menschen kümmern oder Schreibaufträge in größeren Mengen wie z.B. Einladungskarten für Hochzeiten annehmen. Falls nicht – ihr könnt es ja mal googeln – dann ist hier eure Idee bzw. die Marktlücke dafür (ich habe schon zu viel zu tun!).

Die Briefmanufaktur

Wenn du jetzt inspiriert bist oder dich auch nach etwas mehr schöner Post sehnst, habe ich mir hier eine kleine Überraschung für dich überlegt: trag dich einfach in dieses Formular ein, schick mir deine Adresse und du erhältst ganz individuelle und lichtvolle Post, die deinen Alltag verschönert und gute Stimmung in dein Haus zaubert.

Alles Liebe, deine

2 Gedanken zu „Warum ich seit 23 Jahren Briefe schreibe und auch niemals damit aufhören werde

  1. Schön, danke für Deinen Brief, liebe Louise. Macht Lust auf Briefschreiben! Ich finde einen physische Brief auch sehr wertvoll. Das lernte ich von meiner Mutter. Sie schrieb täglich bis ins hohe Alter Briefe! All meine Briefe an sie hob sie auf. Nun habe ich sie gebündelt und sortiert daliegen. Viele Erlebnisse können nun wieder lebendig werden, was in unserer elektronischen Zeit soo nicht mehr möglich sein wird…Alles Liebe! Herzlichst, Christian.

  2. Hallo,
    ein genialer Post, der wird morgen im “Unterricht” (wir machen Homeschooling) vorgelesen. Unser Jungs ( 8 und fast 7) sind fleißige Briefschreiber (zu Geburtstagen/Weihnachten….) Vielleicht inspiriert sie deine Geschichte um mehr Briefe zu schreiben (gute Übung für die Handschrift 😉
    Vielen Dank!
    PS: Ich habe auch vor kurzem beschlossen, viel mehr Briefe zu schreiben. Heute habe ich schon einen abgeschickt *freu*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*