Warum wir jetzt für Bildungsfreiheit kämpfen müssen

Meine Uroma ist mit 92 Jahren gestorben. Ich war etwa fünf Jahre alt und habe auf ihrer Beerdigung bitterlich geweint. Sie hat ihren Mann im Krieg verloren. Und meine Oma, ihre Tochter, hat den Krieg noch erlebt, als kleines Mädchen. Sie war ein Kind, als in Deutschland das wahre Grauen stattfand. Kinder damals mussten in die Hitlerjugend, „Kernelement eines umfassenden Programms zur organisatorischen Erfassung, Kontrolle und Indoktrination der jungen Generation.“ Hitler selbst hat in diesem „Programm“ unverblümt formuliert:

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen, und dort oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht wieder zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen … Und was dann … an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre (Beifall), und wenn sie … zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben! (Beifall).“²

„und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!“

Auch meine Tante hat mit ihrem Freund das scheinbar Unmögliche gewagt – sie ist den Grenzen der damaligen DDR entflohen, um ein Leben draußen, in Freiheit zu führen. Hier höre ich nun augenblicklich auf, über die Sache zu berichten. Was sind unsere Kinder heute? Sind sie frei? Nein, ACH WAS! Wer macht sie denn unfrei – die Schule, die Eltern, die Lehrer und Erzieher, doch nicht etwa schon der Kindergarten oder: die Kinderkrippe? Ist es nicht so, dass man seltsam beäugt wird, wenn man sein Kind mit vier Jahren NICHT in eine Einrichtung „schickt“? Drohen einem nicht Richter, Jugendämter, aber vor allem Umfeld, Gesellschaft und Staat, wenn man sein Kind NICHT in die Schule zwingt? Und was sagen eigentlich die Kinder dazu – wer hat sie gefragt? Ich sage euch jetzt einmal etwas, klar und deutlich: die Schule in unserer heutigen Form ist ein selektiererisches Instrument mit nationalsozialistischen Zügen, ein Relikt aus Nazizeiten. Und jeder, der Kinder nicht selbst und in Freiheit entscheiden lässt, ob sie sich dort – zu Lasten ihrer körperlichen und geistigen Kräfte – täglich von früh bis spät, unter autoritären Strukturen und stumpfsinnigen Anordnungen wiederfinden möchten, sollte sich ernsthaft Gedanken über sich und sein Leben machen, bevor er das alles blind und unwissend an diese wunderbaren jungen Menschen weitergibt.

Wie ich darauf komme? Nun, das klingt vielleicht sehr hart und vielleicht musste soeben der ein oder andere erstmal ganz schön schlucken, wie man bei uns sagt. Doch hier muss ich Bernhard Heinzlmaier – Sozialwissenschaftler, Unternehmensberater und Jugendorscher – zitieren: „Performer, Styler, Egoisten: […] eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben“. Denn das kommt – nicht erst am Ende, sondern schon sehr früh – dabei heraus, bei der „systematische[n] Verdummung der Jungen, die „mit begrenztem Horizont und engem Herz“ in eine unmenschliche Leistungsgesellschaft gedrängt werden.“³ Herr Heinzlmaier kennt sich aus und bemerkt weiterhin, „dass die heutigen Bildungsstandards von der Wirtschaft diktiert würden“, das „Erziehungs- und Bildungssystem [funktioniert] nur noch nach den ökonomischen Gesichtspunkten“, in der „Zusammensetzung der Bildungsinhalte zählt nur noch die wirtschaftliche Logik“. Weiterhin sei es „kein Geheimnis, dass die Wirtschaft immer mehr Einfluss darauf nimmt, was [selbst] an den Hochschulen in Lehre und Forschung stattfindet.“³

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Freiheit kommt von innen

Ich muss zugeben, nur meckern zählt nicht. Und um noch ein letztes Mal den hier oft zitierten Herrn zu Wort kommen zu lassen: „Wir brauchen eine neue Bewegung aus der Zivilgesellschaft heraus, wenn humanistische Werte in unserem Bildungssystem wieder eine Rolle spielen sollen. Wenn das nicht passiert, sehe ich für die Jugend schwarz“, so Herr Heinzlmaier in der Welt vom 18.07.2013. Die „Ökonomisierung der Bildung ist ein Schlag ins Gesicht der 68er-Generation. Die haben noch in größeren Dimensionen gedacht, haben über die Dritte Welt, die Hochschulreform, Sozialgesetze und demokratische Mitbestimmung gestritten. In den 90er-Jahren kam dann so langsam der Umbruch in eine Ego-Gesellschaft. Auch viele der 68er haben sich korrumpieren lassen. Deswegen hat die ganze 68er-Bewegung bei den Nachfolgegenerationen an Ansehen verloren.

Tatsache ist, dass man über unsere Elterngeneration, die „Babyboomer“ – gleichzeitig auch die Generation, die von allen den größten Wohlstand erfahren hat und der es damit so gut geht, wie keiner Generation zuvor – schimpfen kann, wie man will. Selbst, wenn viele von ihnen sich haben korrumpieren lassen. Sie haben doch zunächst erstmal eines: gekämpft. Die 68er haben etwas verwirklicht, haben ihre Ideale nach außen getragen und Gesicht gezeigt. Und damit erst einmal die Basis für ein neues freiheitliches Deutschland geschaffen. Möglich gemacht haben es ihnen ihre Eltern, indem sie die Trümmerhaufen beseitigt und Stein für Stein wieder aufeinander gestapelt haben. Und daher ist es für mich die logischste aller Konsequenzen, dass wir, die Generation Y, die Enkel und Enkellinen gefälligst unsere Privilegien erkennen und dem Ganzen die Krone auf den Kopf setzen. In dem wir erkämpfen, was es schlussendlich noch zu holen gibt: das Recht, frei sich zu bilden, was endlich und selbstverständlich auch fest verankert in der deutschen Verfassung zu sein hat.

Was wir jetzt ganz konkret tun können

Wir sind Wirtschaftsdiktatur Nummer eins! Und hören und sehen das jeden Tag in den Medien. Doch hat einer mal wirklich darüber nachgedacht, was das bedeutet, wie es möglich ist, noch immer Diktatur zu sein? Deutschland fördert eine Wirtschaftselite! Durch ein Bildungssystem, welches auf die Selektierung von Eliten ausgerichtet war und noch immer ist! Von dieser systematischen Bildung, Elitenformung, müssen wir uns endlich lösen, ja, jeder sollte dringendst dazu aufgerufen sein, diese nicht mehr zu unterstützen. Stattdessen müssen wir uns unbedingt wieder darauf konzentrieren, die Traditionen und Werte unserer einst Dichtern und Denkern zu verdankenden abendländischen Kultur zu sehen und zu fördern. Immerhin dürfen wir uns auf das Erbe von Bach, Goethe, Einstein & Co. berufen – und dafür können wir uns wirklich glücklich schätzen.

„Die Verkrüppelung [der sozialen Seite in der Veranlagung der Inndividuen] halte ich für das größte Übel, das der „Kapitalismus“ mit sich bringt. Dieses Übel macht sich schon im Erziehungswesen geltend, in welchem das junge Individuum mit einem übertriebenen kompetitiven Geist erfüllt und zur Bewunderung des acquisiten Erfolges erzogen wird.“, Albert Einstein

Der Ruf nach Freiheit wird laut! Immer lauter. Über ADHS, Hochsensibilität, freilernen, unschooling, Reise- und Auswanderfamilien will ich jetzt hier nicht schreiben. Aber wir werden mehr. Viel mehr. Und jeden Tag arbeiten wir daran, unseren Alltag ein Stückchen mehr nach den Bedürfnissen unserer Kinder, unserer echten, inneren Gefühle zu gestalten. Und der Vorhang wird auch hier fallen, da bin ich ganz sicher. Wenn wir zusammenhalten, ehrlich zu uns selbst und unseren Mitmenschen sind, uns vernetzen, mutig sind und keine Angst riskieren, kommen wir dem entscheidenen Meilenstein schon ein großes Stückchen näher.

„Handle niemals gegen das Gewissen, selbst wenn der Staat es fordert.“ , „Wir müssen unser Bestes tun. Das ist unsere heilige menschliche Verantwortung.“, Albert Einstein

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² https://de.wikipedia.org/wiki/Hitlerjugend#Ideologische_Ausrichtung, Abs. 4

³ https://www.welt.de/vermischtes/article118147140/Auf-dem-besten-Wege-in-die-absolute-Verbloedung.html

Fotos: Paul Baier

6 Kommentare auf “Warum wir jetzt für Bildungsfreiheit kämpfen müssen

  1. Liebe Louise,
    ich gehöre wohl zu deinen Hardcore-Fans 😉 Ich liebe deine Artikel! Bitte mach weiter so und hör nicht auf. Du bringst es immer wieder wunderbar auf den Punkt. Danke dafür 🙂
    Ganz liebe Grüße,
    Nadine

    1. Looooooove, peeeeace to you!!! Es ist toll, Leser wie dich zu haben, vielen Dank fürs teilen, liken und dein Interesse, ich mag deinen Blog auch sehr sehr gern 🙂 Tausend Küsse :-*

  2. Liebe Louise,
    ich habe Deine Seite immer wieder besucht… Nun bin ich bei FB un musste Deine 2.letzten Themen
    teilen = einfach der Hammer. Ich bin so dankbar für Deine tolle Arbeit und freue mich auf die Vernetzung die mehr und mehr sichtbar wird. Wir haben nach Schüler Mobbing und Lehrer Gewalt unsere Kinder am 7.7.2015 bei den Schulen abgemeldet gehabt, danach haben wir 9.Monate FREILERNEN unterm Radar in der BRD gemacht. In dieser Zeit hatte ich vergeblich Wege gesucht mich zu vernetzen um etwas zu verändern, mit Schulpflichtigen Kindern ist das immer ein Risiko wegen den geltenden Gesetzen. So sind wir dann im April diesen Jahren Ausgewandert, doch mein Maul werde ich nicht halten! Ich sehe immer wieder wie viele Kinder / Familien leiden, für uns gibt es keinen Weg zurück = wir haben auf Teneriffa ein wunderschönes Klima gefunden. Die Menschen sind sehr Kinderfreundlich, herzlich und Unkompliziert. ABER es muss sich was für die Familien ändern die nicht Fliehen können oder wollen… Ich bin mit meinem Herz und meinen Schöpferischen Gedanken kraft mit dabei, für eine NEUE FREIE GENERATION was zu ändern. Nicht mit Kriegst Protest Gedanken ich sehe einen grossen Erfolg im Zivilen Ungehorsam, der Kraftvollen NICHT Kooperation. Alles gute für Dich und Deinen Weg ! Vielen Dank für Deinen tollen Einsatz. ( auf FB Freilernen Teneriffa)

    1. Liebe Petra, wow, mit so viel positivem Feedback habe ich nicht gerechnet, vielen lieben Dank für deine ehrlichen Worte! Die zwei Artikel erfahren gerade eine sehr große Resonanz, was deutlich zeigt, dass die Darstellung des Themas absolut nicht übertrieben, sondern real und hochaktuell! Dass wir diesen Weg auch in Deutschland einschlagen müssen, steht außer Frage und ich zweifle absolut nicht daran, dass wir „Bildungsfreiheit“ auch hier erlangen. Wie schnell das geht bzw. wann das passiert, ist nur noch eine Frage der Bewusstwerdung auch derer, die sich durch ihre „alte Erziehung“ nur langsam dafür öffnen und dem Zeitgeist nähern können. Ich habe dich auf FB gesehen, lass uns einfach hier in Kontakt bleiben (eventuell bin ich Ende des Jahres sogar auch für ein paar Tage auf Teneriffa!). Ganz liebe Grüße, Louise

  3. Liebe Louise,
    http://film.schoolsoftrust.com
    Toller Film, jetzt kostenlos anzuschauen!
    Man braucht sich doch nur den Film über die demokratische Schule anschauen. Am Ende geht es um das Kind, und nur um das Kind, als Mensch. Dies sich einzugestehen ist für Systemkonditionierte Personen eigentlich nur schwer möglich. Alle Beteiligten wollen doch auch nur ihr EGO gestreichelt haben, ob als Eltern oder Lehrer. An dieser Stelle LOS ZU LASSEN, das Lernen des Menschenkindes „nur“ zu sehen, dies ist die Hürde und die scheinbar unüberbrückbare Hürde. Aber nur dies bringt das Menschenkind wieder an seine gefühlte Natur oder entfernt es erst gar nicht davon. Es darf sich selbst wieder fühlen, fühlen was gut für es ist…..und wir alle haben das GLÜCK, dabei sein zu dürfen, JETZT, in der Zeit des großen Wandels, freut euch darüber!
    Ja, Demokratische Schule scheint mir eine geeignete Grundlage, um Muße zu tun und seine Freie Zeit zu gestalten (Eigentliche Bedeutung von Schule). Da hat das ursprüngliche System (staatliche Institution) keine Chance, keinen Platz mehr. Liebe Menschen (Kinder), schaut euch diesen Film an und holt euch eure wirklichen Schulen zurück. Ich muss nochmal auf unseren Fragebogen verweisen „Selbstbestimmtes Lernen“ https://freiefamiliedresden.wordpress.com/selbstbestimmt…/ Genau das ist es doch, sich für die Umwandlung in eine demokratische Schule entscheiden, Zettel beim Direktor oder Lehrer abgeben und dann einfach den „Schultag“ selbst gestalten. Da braucht keiner Angst vor Bußgeld, Knast oder Jugendamt mehr haben. Informiert euch und setzt es mit Begeisterung vor Ort um.
    Liebe Grüße aus Dresden
    Übrigens,die Demokratische Schule in.Summerhill ist eine Demokratische Schule in Leiston (Suffolk, England) und gilt als eine der ältesten demokratischen Schulen der Welt. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Die ersten Anfänge von Summerhill liegen in der „Neuen Schule Hellerau“ in Dresden.
    Oder ihr entscheidet euch für den Schulstreik.
    https://freiefamiliedresden.wordpress.com/2017/03/30/schulstreik/

    Selbstbestimmtes Lernen
    Ihr habt die Wahl, was wollt ihr wirklich?
    Nur unser Tun beschleunigt das Werden!

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