Was man über Kinderbilder wissen sollte!

Alle Kinder malen gern! Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Los, wir malen was! Ob Im Kindergarten oder in der Schule, zu Hause, bei Freunden, mit Tanten und Verwandten, gemalt wird immer gern – oder etwa nicht? Sobald ich das Wort Stift oder Malen auch nur im Raum vernehme, wird mir schlecht. Warum? Weil ich weiß, was da gleich kommt: jemand, der mit meinem Kind “ein Bild malen” will. Nicht, weil ich das selbst nicht könnte, schlecht im malen bin oder genervt von Kunst wäre. Doch dazu muss ich ein bisschen ausholen… Als ich vor etwa einem Jahr durch die Regale der städtischen Bibliothek stöberte, stieß ich auf ein Buch, das ich eigentlich gar nicht mitnehmen wollte, da mich der Titel nicht besonders ansprach. Letztendlich tat ich es aber doch – und bin mir sicher, dass es genau zum richtigen Zeitpunkt zu mir kam. Der Inhalt dieses Buches hat, und das meine ich wirklich ernst, hat mein Leben verändert. Natürlich, meine Sichtweise und Haltung, doch damit eben auch mein Tun und Wirken, ja, mein Leben. Aber nicht nur als Mutter! Hätte ich kein Kind, hätte ich es wahrscheinlich nicht gelesen, was traurig wäre, denn das geht jeden etwas an.

Der Autor und worum es genau geht

Arno Stern ist ein deutsch-französischer Pädagoge und Forscher, dem es 1946, im Alter von 22 Jahren, ungeplant zur Aufgabe wurde, sich der Betreuung von Kriegswaisen in einem Pariser Kinderheim anzunehmen. Er lies sie malen. “Ich war damals […] unerfahren und unwissend wie ein Kind”, schreibt er über sich. Dieses Jahr feiert Herr Stern seinen 91. Geburtstag. Er blickt zurück auf ein 70 Jahre altes Forschungswerk, was den Bereich der Kinderpädagogik grundlegend verändert. Seine zahlreichen Reisen in verschiedenste Länder, u.a. zu Urwald- und Wüstenbewohnern, zeugen alle von dem, was er durch seine jahrelangen Beobachtungen dokumentiert und nun in verschiedener Form an alle Interessierten weitergibt.

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Die Spur

Da ich plane, auf dieses Thema in einem späteren Beitrag noch einmal ausführlicher einzugehen, hier eine kurze Zusammenfassung. “Kinderkunst” gibt es nicht. Das, was aus der Hand des malenden Kindes fließt, ist Teil eines Universalgefüges, ähnlich einem genetischen Code, der jedem Menschen innewohnt. Arno Stern nennt es die Spur, ebenso, wie er eine wissenschaftliche Bezeichnung für alle dabei auftretenden Phänomene gefunden hat. Das bekannte “Krikselkraksel” heißt hier “Giruli”, dicht gefolgt von “Punktili”, wenn also ein Kind wild mit dem Stift punktend auf das Blatt hämmert. Nun beginnt eine Art Evolution, sogenannte Erstgebilde treten auf und entwickeln sich – nach einer ganz bestimmten Reihenfolge, der Formulation.

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Die Formulation ergibt sich aus dem natürlichen Urbedürfnis des Menschen, sich auszudrücken. Sie ist ein kreativer, schöpferischer Akt und steht ganz für sich allein. Stern nennt sie die “Aufspeicherungen der organischen Erinnerung”. Und nun kommt das wichtige, was es zu wissen gilt: sie richtet sich damit an keinen Empfänger, ist für niemanden bestimmt!

Das Malspiel und seine Bedeutung

Nach unserer Erziehung wird versucht, dies zur Kunst hinzuleiten. Sätze wie: “Das ist aber ein schönes Bild! Ist das ein Baum, oder ein Haus?” oder “Male doch mal ein Pferd!” sind für uns ganz normal. Das Kind malt “schön”, wir bekunden unser Interesse und bestärken das Kind in seiner Kreativität, tun etwas pädagogisch wertvolles. Dabei merken wir nicht, wie wir mit unserem Verhalten eigentlich schaden. Das, was von niemandem böse gemeint ist, richtet Schaden an. Das Wissen um die Spur des Kindes und ihre Eigenarten führt zum Malspiel nach Arno Stern und richtet sich an jeden, der einem malenden Kind begegnet. Es ist Teil der Ausdruckssemiologie und fand sogar Gehör bei einem Kongress der UNESCO, die Arno Stern als führenden Experte delegierte. Inzwischen gibt es unzählige Malorte in Deutschland und außerhalb, indem sich Menschen jeden Alters, besonders aber Kinder, in einem geschützten Raum, frei von äußeren Einflüssen, ihrer natürlichen Spur widmen können.

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Quellen: Das Malspiel und die natürliche Spur/ Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll, von Arno Stern.

2 Kommentare auf “Was man über Kinderbilder wissen sollte!

  1. Mein Sohn malt äußerst ungern. Wenn ich ihn dann dochmal dazu bewegen kann am liebsten so schnell und soviel schwarz wie möglich…. Ist schwierig zu akzeptieren – ändern kann und will ich es nicht.

  2. hi mirabella, danke, dass du meinen blog liest 🙂 ich würde es auch nicht ändern wollen. könnte man zwar, aber genau das machen ja fast alle, indem sie da eingreifen. wer weiß außerdem, ob das, was wir über farben glauben zu wissen, so wahr ist 😉 p.s.: er malt giruli! und über die formulation schreibe ich auch nochmal was. liebe grüße

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