Welche Veränderungen im Schulsystem heute absolut notwendig sind

Heute schreibe ich bewusst „notwendig“, denn das Schulsystem in Deutschland gleicht einer Katastrophe oder besser gesagt: es herrscht wirklich große Not und wir können nicht mehr länger warten, bis sich die Dinge zum Guten wenden – wir müssen selbst aktiv werden und die Missstände ins Gute wenden.

Warum das Bildungssystem in Deutschland schon lange an die Wand gefahren ist, soll in diesem Artikel nicht mehr erörtert werden. Die Begriffe Bildungsfreiheit, freilernen oder auch freie Schule sind in aller Munde und auch medial derzeit sehr präsent. Selbst Eltern, die bisher eine eher konservative Haltung der Schule gegenüber vertreten haben, bekommen spätestens mit der Einschulung ihrer Kinder ein mulmiges Gefühl. Und immer mehr Eltern, Kinder, aber auch Erzieher und Pädagogen verzweifeln angesichts der harten Umstände, die dieses (Un)Bildungssystem an den Tag legt, was die Reformbewegung weiter wachsen lässt und grundlegende Änderungen mehr und mehr erforderlich  macht.

Doch was genau muss eigentlich getan werden? Die Politik drückt sich mehr oder weniger erfolgreich vor diesem Thema, indem sie es von Jahr zu Jahr vor sich her schiebt. Statt auf die eindringlichen Apelle von Reformpädagogen, Bildungswissenschaftlern und -experten zu hören und sich an deren Lösungsvorschlägen zu orientieren werden völlig undurchdachte Schnellkonzepte als Scheinlösungen über ein breites, komplexes Massenbildungssystem gestülpt. Leidtragende sind Kinder, Lehrer und Eltern. Was ist mit Begriffen wie Hochbegabung, Hochsensibilität, Mobbing, Potentiale, Entwicklung, Entfaltung, Nachhaltigkeit, Zukunftsmarkt, Gerechtigkeit, Menschenrechte? Wie kann man bei so einem System, was alle gleichschaltet, eigentlich noch von Bildung sprechen?

Das Schulsystem in Deutschland: Schulformen

In Deutschland gibt es folgende Schulformen:

  • staatliche Schulen (Grund-, Ganztags-, Gesamt-, Haupt-, Real-, Förder-, Spezialschule, Gymnasium)
  • private Schulen sowie Schulen mit reformpädagogischer Ausrichtung (Waldorfschulen, Montessorischulen)
  • alternative Schulformen/ Schulen in freier Trägerschaft

Im Allgemeinen ist dazu zu sagen, dass staatliche Schulen die erste Wahl für die Mehrheit der Bevölkerung sind, hier entscheidet das Einzugsgebiet, also der Wohnort darüber, welche Schule ein Kind besucht.

Private Schulen sowie jene mit reformpädagogischer Ausrichtung gleichen in ihrem pädagogischen und weltanschaulichen Konzept im Wesentlichen den staatlichen Schulen, haben aber durch die Erhebung eines Schulgelds eine bessere Ausstattung und gestalten sich nach ihren eigenen Grundlagen.

Freie oder demokratische Schulen legen in ihrem „Betrieb“ schon eine grundlegend andere Haltung an den Tag und beziehen alle am Schulalltag beteiligten Menschen mit ein, zuvorderst die Kinder und Jugendlichen selbst. Eine Liste aller freien Schulen findet sich hier.

Sogenannte Schulversuche oder Modellprojekte sind laut Wikipedia „Instrumente der Innovation und haben die Aufgabe, das Schulwesen eines Bundeslands qualitativ weiterzuentwickeln„. Beispiele hierfür sind der Uracher Plan in Baden-Württemberg:

Home schooling oder komplett selbst bestimmtes Lernen, wie es in allen anderen europäischen Ländern sowie Übersee gängig ist, ist in Deutschland (und Schweden) derzeit noch verboten, zummindest offiziell. Familien, die es trotzdem wagen, beteiligen sich u.a. in der Schulfrei Bewegung e.V., im Bundesverband Natürlich Lernen, im Netzwerk Bildungsfreiheit, in der Freilerner Solidargemeinschaft, der Initiative Frei sich bilden oder anderen.

So betrachtet ist Deutschland, was das (Un)Bildungssystem betrifft, noch absolut rückständig, zumal es außerdem noch im hintersten Bereich liegt, was die finanziellen Ausgaben bzw. Investitionen in diesem Sektor betrifft.

Die Vorteile am deutschen Schulsystem

  • Das staatliche Schulsystem ist kostenlos. Das Grundgesetz regelt, dass es in keinem Bundesland Deutschlands erlaubt ist, Gebühren für den Schulbesuch zu erheben. Das heißt, dass Kinder aus wohlhabenden sowie Kinder aus finanzschwachen Familien die gleichen Chancen haben, eine Schule zu besuchen, wobei die Chance auf Schulbesuch nicht mit der Chance auf Bildung gleichzusetzen ist.
  • Berufstätige Eltern haben durch die Institution Schule eine Betreuung für ihr Kind.

Nachteile am staatlichen Schulsystem

  • Im gesamten Schulsystem ist immer alles leistungsorientiert, so z.B. der Schulwechsel in die Haupt-, Realschule oder aufs Gymnasium. Menschliche Werte und persönliche Kompetenzen werden dabei völlig außer Acht gelassen, auch der Unterricht bzw. die Fächer finden so leistungsabhängig statt.
  • Stundentafeln und Lehrpläne geben ein striktes Timing, also eine Taktung vor, an die sich jeder Schüler unabhängig seiner Interessen, Neigungen und Begabungen anpassen muss. Die Möglichkeit, schon bestehende Fähigkeiten, wie z.B. das Spielen eines Instruments oder Sprachkenntnisse auszubauen bzw. (stundenlang) zu vertiefen, besteht so nicht. Konzentration wird durch ständige Ablenkung und Unterbrechung gar nicht erst zugelassen, sie benötigt im Gegenteil dazu eine gänzlich andere Atmosphäre.
  • Der Unterricht ist auf die Konzentration der Schwächen anstatt der Stärken der Schüler ausgelegt. Wie eine motivierende, wirklich auf Potentiale ausgelegte positive Haltung in Schulen funktionieren kann, zeigt u.a. die Ich-kann-Schule.
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse und neueste Forschungsergebnisse, wie z.B. aus der Hirn- und Lernforschung, werden im Schulsystem komplett ignoriert. Lernen durch Begeisterung, wie es z.B. Prof. Gerald Hüther immer  wieder propagiert, wird durch Lernen mit Zwang, Druck, Vergleich und Bewertung ersetzt. Politiker und Interessenverbände, die das Schulsystem nach ihren Bedürfnissen lenken und gestalten, müssten sich vielmehr an den bestehenden im Bildungsbereich arbeitenden Vereinen und Organisationen orientieren, diese unterstützen und unter Hinzuziehung von Bildungsexperten endlich ein internationales Standardlevel erreichen.
  • Der Fächerkatalog entspricht lediglich einem Bruchteil dessen, was es im Leben zu lernen gibt und wurde seit Jahrzehnten nicht erneuert. Schulabgänger sind nicht im Geringsten auf  ein Leben nach der Schule vorbereitet und haben selbst das Gelernte durch sogenanntes Bulimie-Lernen nach den Prüfungen wieder vergessen. Obwohl sich die großen Ökonomen darüber einig sind, dass Kreativität das Wirtschaftsgut des 21. Jahrhunderts ist, sind Fächer wie Kunst oder Musik immer noch völlig unterbelichtet und stellen lediglich einen Bruchteil der neuen „Kreativitätswirtschaft“ dar.
  • Die Schulklassen sind zu groß und nicht altersgemischt. Interdisziplinäres Lernen in konzentrierter Atmosphäre ist auf diese Art unmöglich, Frontalunterricht lässt zudem keinen Raum für eigenständiges Lernen.
  • Leher sollten auch Experten, die über tiefgründiges Wissen und  nachweisliche Kompetenz auf ihrem Gebiet verfügen, sein. Dazu gehören z.B. Sportler, Schauspieler, Künstler, aber auch Kaufmänner, Ernährungsberater, Aktivisten, Regisseure oder Menschenrechtler. Lehrer sollten über eine pädagogische/ psychologische Ausbildung verfügen oder aber in der Lage sein, Schüler bedürfnisorientiert zu begleiten und zu (re)agieren. Fast alle Lehrer beklagen den mangelnden praktischen Erfahrungsanteil in der Lehrerausbildung. Der Großteil der Lehrer kapituliert im chaotischen Schulalltag, viele erkranken an Burn-Out. Stundenausfall und schlechte Vertretungen sind das Gegenteil von hochkarätiger Bildung, wie sie sich Schüler, Eltern, Wirtschaft und Politik eigentlich wünschen.
  • Hausaufgaben blockieren das Privatleben und die eigenständige Freizeitgestaltung der Schüler. Der wenige Raum, der so für selbst gestaltetes Lernen noch übrig bleibt, wird durch die mangelnde Kompetenz der Schulen, Wissen, Fähigkeiten usw. in der Schulzeit zu vermitteln zusätzlich eingenommen, was einem Angriff auf die Menschenwürde gleichzusetzen ist. Die Vereinten Nationen bemängeln dieses System schon seit Jahren. Ein gutes Beispiel hierfür ist Finnland.
  • Die Präsenszeiten bzw. die Zeitspanne von Beginn bis Ende der Schulzeit ist zu lang und nicht frei wählbar. Der Schulanwesenheitszwang muss generell aufgehoben werden.
  • Es findet kein Austausch zwischen Schüler, Lehrer und Erziehungsberechtigten statt. Gespräche über die Lernentwicklung scheitern, so z.B. wenn ein Kind sich aufgrund der miserablen Umstände schließlich für selbst bestimmtes Lernen oder home schooling entscheidet. Bei der Suche nach einer Lösung von Problemen werden weder Eltern noch Schüler unterstützt.
  • Die Ausstattung der Schulen ist schlecht. Statt gesunden Ernährungsangeboten, die wichtig wären für die Unterstützung einer gesunden Lernatmosphäre, finden sich Süßgetränkeautomaten dort. Das Raumklima ist schlecht und die architektonische Ausstattung gleicht eher einem Krankenhaus als einer inspirierenden Bildungsinstitution. Schulen und ihr Umfeld sind sparsame Masseneinrichtungen und daher berechtigterweise kostenlos.
  • Das Schulsystem fördert durch Vergleich und den so unter Druck entstehenden Konkurrenzkampf Asozialisation statt Sozialistaion. Wirklich soziales Miteinander, Empathie, Toleranz, gewaltfreie  Kommunikation, Motivation, Respekt und Verantwortung werden im Schulalltag gänzlich ignoriert, stattdessen herrscht Mobbing und Unterdrückung.
  • Hochbegabung, Hochsensibilität, aber auch Inklusion finden in diesem System keinen Raum. Obwohl 98% der Kinder hochbegabt zur Welt kommen, wird selektiert und auch sogenannte Hochbegabte, d.h. Kinder, die sich ihre Fähigkeiten bis zu diesem Zeitpunkt noch weitesgehend erhalten konnten, werden nicht ideal gefördert. So sind z.B. Auslandsaufenthalte zum Sprachenerwerb oder zur Persönlichkeitsbildung, aber auch außerschulische Aktivitäten, die zeitaufwändiger sind und Engagement erfordern, wie z.B. im künstlerischen Bereich oder Sport, fast unmöglich. Außergewöhnliche Charaktere und Spezialisierungen können auf diese Weise gar nicht erst entstehen, Talente und Anlagen werden nicht erkannt, geschweige denn gestärkt oder entwickelt.

Unzählige konkrete Zahlen, Statistiken und Infografiken zu den Missständen im deutschen (Un)Bildungssystem kann man u.a. im Internet einsehen, allerdings ist hier Vorsicht geboten was die Quellen betrifft: das Schulsystem in seiner Organisationsstruktur ist immer auch ein Ergebnis der Politik bzw. der dahinter stehenden Interessensvertreter und Lobbyverbände, welche umgekehrt ein für ihren Markt dienliches (Un)Bildungssystem kreieren oder definieren.

Allgemein kann man sagen, dass das deutsche staatliche Schulsystem gegen die Menschenrechte verstößt, was auch von den Vereinten Nationen immer wieder kritisiert wird. Nicht jeder ist fürs Großraumbüro gemacht. Nicht jeder lernt am besten im Klassenzimmer. Kinder und Jugendliche – Menschen! – haben das Recht, sich intrinsisch, selbstbestimmt und interessenbegleitet zu bilden, so die Selbstbestimmungstheorie von Richard M. Ryan und Edward L. Deci der Universität von Rochester.

Lösungsansätze

Grundlegend kann man sagen, dass die bestehenden Probleme an Schulen und im Schulsystem im Allgemeinen dringend behoben werden müssen, damit sie mit dem Grundgesetz konform sind und nicht mehr gegen die Menschenrechte verstoßen. Zusätzlich wäre Folgendes hilfreich:

  • mehr freie Schulen gründen (unter dem Reiter „Schule gründen!“ findet sich die BFAS-Infomappe zur Schulgründung, auch eine Kurzversion)
  • mehr/ zusätzliche Lernorte schaffen, Beispiele dafür sind z.B. moderne, gut ausgestattete Bibliotheken, aber auch Betriebe können als Lernorte dienen, wenn sie familien-, lernfreundlich  gestaltet sind
  • Kriterienkatalog/ Standardwertekatalog für Schulen, damit diese als Institution bestimmte Mindeststandards bzw. Qualitätskriterien erfüllen
  • home schooling und selbstbestimmtes lernen/ freilernen legalisieren (denn allein dazu gibt es bereits über 1400 Studien, davon auch 72 zur Sozialisation)

Die im Artikel dargestellten Argumente und Informationen finden sich u.a. auch in dem Film Das (Bildungs)System, einer sehr interessanten und aufrüttelnden Produktion von MovieJam Studios:

Weitere Informationen zum Thema finden sich in der Kategorie zur Bildungsfreiheit. Informationen zu Veranstaltungen, Kongressen, Symposien und Organisationen findest du hier. Und darüber, wie so ein neues Bildungssystem für Deutschland aussehen und auch funktionieren kann, hat Bertrans Stern in seinem Buch Saat der Freiheit geschrieben, hier mehr dazu. Unzähliges Expertenmaterial in Form von Büchern, Filmen und Broschüren findest du außerdem hier.

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