Wie ein freies Bildungssystem auch für Deutschland funktionieren kann

Brisant, aufwühlend, neu – das Thema “Freilernen” ist in aller Munde. Fast täglich erschien in den letzten Wochen irgendein Bericht dazu in den Zeitungen, im Radio oder Fernsehen. Mittlerweile greifen sogar die bekanntesten und größten Medien dieses Thema auf! Sie interviewen und/ oder begleiten frei sich bildende Kinder und Familien, ziehen Ländervergleiche, berichten über Missstände an Schulen und rücken Persönlichkeiten der Szene und Experten ins Licht, mit erstaunlichen Resultaten. Da zeigt sich z.B. einer der bekanntesten TV-Moderatoren Deutschlands fasziniert und sprachlos angesichts bezeichnender Beispiele des Freilernens in persona: “Wenn man den sieht, sollte man Schule direkt abschaffen!“, so begeisterte sich Herr Markus Lanz anerkennend für seinen wichtigsten Talkgast, den Autor des erfolgreichen Buches “…und ich war nie in der Schule!”, André Stern. Und auch bekannte Elternblätter, Zeitschriften, beginnen, mit Überschriften wie “Lasst die Kinder spielen!”, diesen “Trend” aufzugreifen, für sich zu nutzen und das Thema Bildungsfreiheit so gleichzeitig zu verbreiten.

15037142_10154200217439422_8104645911335019711_nCoverbild einer Elternzeitschrift

Dass die Institution Schule in Deutschland völlig überholt und längst nicht mehr zeitgemäß ist, weiß mittlerweile jeder, der sich auch nur annähernd mal ein wenig mit Kindern, “Bildung” oder Pädagogik beschäftigt hat. Und das hat bereits Albert Einstein erkannt:

“Der Konkurrenzgeist, der in der Schule herrscht, zerstört alle Gefühle menschlicher Bruderschaft und Zusammenarbeit, und versteht Erfolg nicht als das Ergebnis einer Liebe zu produktiver und nachdenkender Arbeit, sondern als Produkt des persönlichen Ehrgeizes und der Angst vor Ablehnung.”

Diejenigen, die noch an das Zwangsprodukt glauben, sind all jene, denen – und diese Mutmaßung muss ich an dieser Stelle einfach anstellen – ein Leben an der Oberfläche genügt. Sie haben ihre Träume selbst nie verwirklicht, sind nie zu dem geworden, was sie eigentlich hätten sein können und begnügen sich mit dem Angebot der breiten Masse, leben den Durchschnitt. Egal, mit wem ich über das Schulthema, über Bildungsfreiheit spreche, es provoziert, es wühlt auf, es nagt an der Persönlichkeit, den eigenen tiefen, bis dahin nie zum Vorschein gekommenen Facetten. Und das ist gut so, ja, es ist  nötig! Denn ohne diese innere Empörtheit, ohne tiefe Bewegtheit kein nachdenken, keine Bewusstwerdung, kein Handeln. Und Menschen, Individuen – Subjekte! – die menschenwürdig handeln, hat dieses Land, ja, die Welt bitter nötig.

“Immer mehr Kinder bilden ihre stärkste Bindung gar nicht mehr zu Erwachsenen aus, sondern zu Gleichaltrigen. Wir glauben dann, sie seien unabhängig, und freuen uns. In Wirklichkeit haben sie ihre Abhängigkeit nur auf die anderen Kinder verlagert und orientieren sich fortan an denen. Den Lehrern und Eltern fehlt damit die entscheidende Grundlage für jede Erziehung, nämlich die stabile, tiefe Bindung ihrer Kinder an sie. Deswegen ist das Unterrichten so mühsam geworden. Für die Kinder wiederum bedeutet die Gleichaltrigenorientierung höchsten Stress. Die normalen Verletzungen, die Kinder in ihrer Unreife sich schon immer zugefügt haben, treffen sie mit voller Wucht, denn die anderen Kinder sind nicht mehr einfach nur ‘Spielkameraden’, sondern das Wichtigste in ihrem Leben, die Erwachsenen sind blasse Randfiguren geworden. Viele dieser Kinder haben zu keinem Erwachsenen mehr eine so tiefe Bindung, dass sie bei ihm schwach sein und sich ausweinen können. Um sich in dieser Situation zu schützen, panzern sie sich gegen ihre Gefühle – sie werden ‘cool’. Mit den verletzlichen Gefühlen von Angst, Sorge etc., die sie verleugnen, verlieren sie aber auch den Zugang zu den anderen ‘weichen’ Gefühlen wie Interesse, Begeisterung, Fürsorglichkeit etc. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Reifeentwicklung, denn wir lernen über unsere Gefühle. Wenn wir nicht spüren, was uns bewegt, bleiben wir unreif.”, Gordon Neufeld, Dagmar Neubronner.*

Die Zeit ist reif und die reifen Früchte fallen mittlerweile fast schon selbst vom Baum. Das Schulsystem in Deutschland ist an die Wand gefahren! Egal, wohin man sieht, es ist gescheitert. Und die Wissenschaft, die Neurobiologen, die Hirnforscher und Psychiater bestätigen das.

Interessant ist zudem folgendes – in der Diskussion kommt immer wieder Skepsis auf, die sich jedes Mal an der gleichen Frage zeigt: “Aber was ist mit Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen, was ist mit denen, die dann gar nicht mehr zur Schule gehen und statt dessen nur noch vorm Computer hängen? Die bleiben doch dann auf der Strecke!” Eben nicht. Denn es geht nicht darum, dass  niemand mehr zur Schule geht, sondern darum, den Begriff Bildung neu zu definieren und zwar so, dass diese gleichzeitig für jedermann, unabhängig vom wo und wie, frei zu erlangen ist. Und dafür könnte man – das wäre eine Möglichkeit – dem Beispiel Frankreichs folgen, indem man eine sogenannte Bildungspflicht gesetzlich verankert, die es sich zum Ziel macht, jeden Menschen, jedes Kind frei nach seinen Bedürfnissen und Interessen heraus zu motivieren, sich die dafür notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, jedoch auf einem sellbst gewählten Weg, einer selbständig bestimmten Art und Weise, die es demjenigen dadurch eben erst ermöglicht, spezifische Kompetenzen zu erlangen.

Und dann wäre es eine natürliche Folge, dass z.B. Schulen bestimmte Mindestvoraussetzungen, gesetzlich festgelegte Mindeststandards erfüllen müssten, um sich für das neue, freiwillige und interessierte Publikum zunächst einmal wieder interessant zu machen und wirklich zu öffnen. Und ja, das könne man, so können es sich auch die Skeptiker gut vorstellen!

Doch wie genau könnte dann so eine alternative, freie Bildungslandschaft in Deutschland aussehen? Dazu möchte ich eine Passage aus Bertrand Sterns “Saat der Freiheit – Impulse für aufblühende Bildungslandschaften” zitieren:

“Betrachten wir nun unsere Landschaften des Frei-sich-Bildens: Wie in der Natur auch, gibt es darin Wildwuchs, auf unsere Thematik übertragen, bedeutet dies: Menschen, die keiner Orte oder Einrichtungen oder Unterstützung bedürfen, um ich der Freude hinzugeben, frei sich zu bilden. Es gibt aber auch Gärten mit spezifischer Kultur, so auch hier “Gärten der Bildung”, wo Menschen sich aus bestimmten Gründen begegnen. Als Beispiele für die gedeihlichen Gärten, in denen ein vielfältiges Bildungsleben blühen kann, seien folgende dienend zur Verfügung stehende Einrichtungen genannt: Akademien, Büchereien, Vereine, Unternehmen, Stiftungen, Forschungsstätten, kommunikationstechnische Infrastrukturen, zahlreiche Museen und Ausstellungsstätten, Kulturzentren, Podien, Bühnen, Kinos, Erfahrungsorte, Volkshochschulen, Sportstätten usw. Übrigens auch ein privates, gar “leeres” Zimmer kann sehr geeignet sein! Allenthalben Orte einer sozusagen sinnlichen […] Dynamik, wo ein interessantes sinnvolles, lustvolles Bildungsleben für Menschen gedeiht, deren Alter, Herkunft, berufliche Aktivität, Beweggründe so unterschiedlich sind wie die natürliche Vielfalt.”

Weiterhin schreibt er hier:

“[Es] ist gewiss kein Zufall, dass diese vielen Menschen auch von sich selbst bezeugen können, weshalb sie mit so ansteckender Freude in diese Einrichtungen kommen: Weil sie, Jüngste und Ältere zusammen, Wesentliches erkunden möchten. Sie entdecken Kulturen, Sprachen, Techniken, die Welt der Pflanzen und Tiere u.v.a.m., sie debattieren über Politik, Geschichte und Ehefragen oder erörtern gemeinsam philosophische Belange, die auf ihr Dasein zurückwirken; sie spielen Theater, singen oder musizieren, alleine oder mit anderen zusammen; sie widmen sich einer schöpferischen Aktivität, etwa indem sie im Malort sich dem besonderen, einmaligen Spiel mit den Farben vollends hingeben; oder sie bewundern in einer Ausstellung Kunstwerke aus früheren Zeiten oder der Gegenwart; sie nähen und stricken oder sticken; in den speziell hierfür eingerichteten Werkstätten bearbeiten sie Metall, Holz, Glas, Stein oder andere Materialien. Und dies sind nur einige Beispiele aus der Vielfalt der Gärten. Was ihnen gemeinsam ist: Sie ergreifen allzu gern die ihnen gebotene Möglichkeit, ihr persönliches und sachliches Wissen zu schenken und zu holen sowie sich darüber aktiv auszutauschen. Insofern spiegelt die in diesen Einrichtungen der Bildung zu beobachtende einzigartige Stimmung die Lebhaftigkeit, das Interesse, die Intensität, die Ernsthaftigkeit wider, mit der freie Menschen sich dieser Leidenschaft widmen. Und, ganz wichtig: Selbst wenn es oft nach wimmeln aussieht, sind diese “Gärten” auch Orte, die vor jeglicher Hetze und Hektik schützen. Uns ist bewusst, dass erst die Stille, die Ruhe, die Muße die Aktivität generieren! Da es unterschiedliche Bedürfnisse gibt, diese Stille zu gestalten und zu erfahren, gibt es Menschen, die sich immer wieder an Orte zurückziehen, wo “nichts” ist: vielleicht ein leerer Raum mit einigen Blumen und einer Kerze; oder die einer beruhigenden Tätigkeit, etwa Qigong, Taiji, Yoga oder ähnlicher Kunst des “aktiven Nichtstuns” nachgehen.”**

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Mittlerweile regen sich hierzulande die Stimmen und sie werden immer lauter. Dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann auch in Deutschland der eiserne Vorhang fällt, zeichnet sich ab. Und wie die Stimmung unter den Befürwortern, den Begeisterten, den Empathischen und Handlungswilligen ist, davon habe ich versucht, einen Hauch zu zeichnen, hier: “Eine Welle, die man nicht mehr bremsen kann – die neue Generation kämpft für Bildungsfreiheit in Deutschland”.

Und nun die Frage an dich: wie müsste ein Bildungssystem aussehen, was du dir für dich und deine Kinder wirklich vorstellen könntest, in dem ihr aufblühen würdet, in dem es Spaß machen würde, alles nur erdenkliche aus dir herauszuholen? Jeder kann seinen Teil dazu beitragen – du auch! Zum Beispiel in der Schulfrei-Bewegung, einer von vielen Initiativen, die es sich zum Ziel macht, ein “frei-sich-bilden” als Menschenrecht auch in Deutschland zu deklarieren.

 

*http://homeschoolers.at/zitate-von-prominenten.html

**Saat der Freiheit, Impulse für aufblühende Bildungslandschaften, Bertrand Stern

4 Kommentare auf “Wie ein freies Bildungssystem auch für Deutschland funktionieren kann

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