Wie kann man würdevolle Zustände wieder herstellen?

Irgendwie leben wir in einer ganz seltsamen Welt. Ich habe das Gefühl, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Schon durch das Internet kann man jede beliebige Idee, jeden Gedanken, jedes Ding googlen, alles existiert irgendwo, alles scheint möglich. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Freundin Anna hat einen Putzfimmel. Und so betrachtet verstehe ich diesen Zwang auch. Denn dieses gefühlte Chaos in der Welt soll wenigstens nicht in ihrem Zuhause herrschen. In ihren eigenen vier Wänden wünscht sie sich Ruhe, Einkehr, Frieden und Ordnung. Und um sich diesem Zustand zu nähern, wischt und fegt und saugt und sortiert sie eben. Dann hat alles wieder seinen Platz, fühlt sich alles wieder sauber, frisch und angenehm an. Dann geht es ihr zummindest für eine Weile wieder besser.

Wenn ich im dreiunddreißiger Bus sitze, um den langen Weg von der Altstadt nach oben zu uns in die Berge zu fahren, überrollt mich das Chaos der hereinströmenden Kinder und Jugendlichen. Dann gibt es weder links noch rechts, weder Ordnung noch Wohlklang, sondern alles vermischt sich zu einer lähmenden Suppe aus verzerrten Tönen, Geplärre und Geschrei, Schmutz, trampelnden harten Füßen und vorbeischabenden hautunfreundlichen Rucksäcken und Taschen, hängenden Jacken aus Plastik und krankmachenden Farben, üblen Gerüchen und Geräuschen, die aus den unzähligen Displays und hässlichen künstlichen Minihandgeräten ans Ohr dringen, über die sich diese so schnell hereingeströmten Menschen austauschen.

Dieses Harte, Gierige, Schnelle, Agressive sehe ich überall. In allen Schaufenstern. In allen Bussen und Straßenbahnen. In allen Zeitungen und Fernsehsendungen. Auf allen Smartphones. In letzter Zeit erlebe ich es sogar öfter draußen, auf der Straße. Als ich neulich auf dem Fußweg im Schritttempo Fahrrad gefahren bin, holte der mir entgegenkommende Mann auf einmal aus und schlug mir während der Fahrt mit voller Wucht auf den linken Oberarm. Er fauchte mich lautstark an, ich solle gefälligst auf den Radweg übersiedeln, wobei er sicher nicht wusste, dass in diesem Streckenabschnitt kein Fahrradweg existiert. Darüber, wie seine Ausfälligkeit auf meine hinten sitzende Tochter wirken mag, hat er wohl noch viel weniger nachgedacht.

Ein anderer Mann geriet in der Straßenbahn in eine sich immer mehr zuspitzende Wutspirale aus Agression und scheinbar über lange Zeit angestaute Emotionen, denen er nun laut, schimpfend und hasserfüllt Luft machen musste. Ein Mann, der in Eile war, streifte das Bein dieses Cholerikers aus Versehen mit seinem Koffer. Ein Vergehen! Die Schimpferei wurde so schlimm, so böse und inakzeptabel, dass ich mich nicht mehr halten konnte und diesen Mann in die Mangel nahm: „Jetzt beruhigen Sie sich doch mal! Ist Ihnen eigentlich klar, wie Sie sich verhalten? Haben Sie bemerkt, dass dieser Mann es eilig hat und sich entschuldigte? Er könnte Sie wegen übler Beleidigung anzeigen!“. Das war zu viel. Nun fühlte sich dieser Mensch erst richtig herausgefordert und fand kein Einhalten mehr, auch er hatte das Bedürfnis, mir auf den Oberarm zu hauen. Ein paar Fahrgäste mischten sich ein und schließlich verlies er fluchend die Straßenbahn.

Solche Ereignisse häufen sich meines Empfindens nach, von solchen Situationen höre ich immer öfter. Erst gestern erzählte mir eine Freundin und Mutter von drei Kindern, der Busfahrer habe sie mit dem Kinderwagen, den Zwillingen und dem Baby bewusst an der Haltestelle stehen lassen, weil er jetzt „keine Lust auf sowas“ habe.

Bilde ich mir das ein? Sicher, unangenehme Zeitgenossen gab es schon immer. Doch mir scheint es kein Zufall, dass die Spannungen auch angesichts der neuen politischen Strömungen unter den Menschen selbst zugenommen haben. Auf mich wirken sie überlastet, angespannt, verkrampft, unausgeglichen und unter Strom. Ihre lange angestaute Unzufriedenheit, ihre negativen Emotionen entladen sich jetzt – im Hass.

Als ich den ersten Brief vom Familiengericht im Briefkasten hatte, war mir schlecht vor Angst und Anspannung. Mein Mann und der Vater unseres gemeinsamen Kindes hatte sich von mir getrennt und wollte nun das alleinige Sorgerecht. Um dieses einzufordern, hat er auf elf A4-Seiten Anschuldigungen gegen mich erhoben, die mir meine Rolle als liebende Mutter streitig machen sollten. Alle Bemühungen meinerseits, einen friedlichen Weg einzuschlagen, scheiterten. Denés wollte nur noch gerichtlich mit mir kommunizieren. Mittlerweile haben wir fünf Gerichtsverfahren hinter uns gebracht und die agressiven Forderungen meines Noch-Mannes wurden abgelehnt. [Und wie sich gezeigt hat, steckte hinter all dem sogar sein eigener Vater, der Großvater unseres Kindes, der mich für einen ganz schlimmen, dummen Menschen hält und das auch öffentlich verlauten lässt]. Trotzdem frage ich mich nach wie vor, wie es möglich ist, dass in manchen Ländern Krieg herrscht und die Menschen dort einfach keine andere Wahl haben, als vor den Schüssen zu fliehen und sich die Leute hierzulande hingegen vor lauter Überfluss so zu langweilen scheinen, dass ihnen nichts besseres einfällt, als sich gegenseitig das Leben zu erschweren.

Ich habe es mittlerweile akzeptiert, dass unsere Welt sich in einem grundlegenden Umbruch zu befinden scheint. Man kann es überall lesen und hören, wenn man sich informiert. Doch diese reißerischen Energien am eigenen Körper, an der eigenen Seele zu spüren, hat mich erschüttert. Scheinbar muss es so sein! Vielleicht kann es der Erde wirklich nicht anders gelingen, als sich zu schütteln, als die alten, verkrusteten Strukturen aufbrechen zu lassen, als sie kräftig aufzuwühlen, abzuschütteln und sich damit zu reinigen, damit alle Zellen regeneriert und mit neuem Leben gefüllt werden können.

Was braucht unsere Welt, damit ihr das gelingt? Wie können wir dazu beitragen, diesen Prozess zu unterstützen? Was macht eine Hebamme, wenn sie der Gebärenden zu neuem Leben verhilft?

Dieser Artikel geht noch weiter. Er ist abgedruckt in Heft 73/ Ausgabe Eins 2017 des Magazins die freilerner, Zeitschrift für selbstbestimmtes Leben und Lernen. Hier kannst du es bestellen.

3 Kommentare auf “Wie kann man würdevolle Zustände wieder herstellen?

  1. Dabei fallen mir drei Möglichkeiten ein, um mit dieser Situation so umzugehen, dass sich die/der einzelne halwegs wohlfühlt:
    1. Augen zu und es sich im Chaos gemütlich machen und hoffen, dass….,
    2. im Land kämpfen für eine bessere Welt, für Erneuerungen….,
    3. Auswandern und sein eigenes Leben (mit anderen) an einem möglichst freien Ort leben, neue (innere) Strukturen aufbauen….

    Gibt es noch mehr Möglichkeiten? Sicherlich…

    Mein Wunsch ist, mich mit lebenserhaltenden Strukturen zu beschäftigen und darin mich zu üben, als sich mit den krankmachenden Strukturen auseinandersetzen zu müssen….
    Klingt vielleicht nach Flucht. Ja! Ich denke dabei an das was meine Mutter mir erzählte: 1933 ging sie in Dresden zur Schule. Eines Tages kam eine (jüdische) Schulkameradin nicht mehr in ihre Klasse. Es hieß, sie sei mit ihrer Familie nach Amerika ausgewandert. Zu der Zeit ging das noch, später nicht mehr…..

    Danke für deine sehr nachdenkenswerten und authentischen Artikel, liebe Louise!
    Alles Gute!

    1. Lieber Christian, wie schön, hier immer wieder so besonders von dir zu lesen (ich habe euch schon auf meiner Liste;)… Deine Vorschläge treffen es wirklich auf den Punkt! Möglichkeit A ist generell eher nichts für mich, zummindest überstehe ich das nur zeitweise unversehrt;) Zur zweiten Version der möglichkeiten habe ich mich momentan entschieden bzw. das ist es, was mich persönlich im Moment antreibt, nicht nur für mich, sondern auch alle anderen natürlich. Dein dritter Vorschlag entspricht meinem größten Wunsch, wobei ich es nicht leicht finde, da einen Kompromiss zu finden, der die Bedürfnisse aller wirklich berücksichtigt. Eine Lösung diesbezüglich habe ich mir auch schon überlegt und denke, dass sie auch die Beste wäre bzw. sich ganz toll umsetzen ließe. Doch dafür muss ich vielleicht noch ein bisschen Geduld haben… Deinen Wunsch, dich lieber mit lebenserhaltenden Strukturen zu beschäftigen anstatt mit den krankmachenden Strukturen auseinandersetzen zu müssen teile ich aber absolut. Und bestimmt laufen wir uns dabei irgendwann noch einmal über den Weg. Alles Liebe auch für euch!! Louise

      1. Verstehe Louise, der dritte Weg ist nicht ohne… wir haben da auch noch nicht d i e Lösung gefunden und müssen uns auch noch gedulden… es ist alles am Wachsen. Ich habe ja die große Vision (siehe meine Facebook-Gruppe https://www.facebook.com/groups/www.freilernfamily.de/) einen Ort zu schaffen, an dem Menschen/Familien sich begegnen, miteinander leben und arbeiten, austauschen können. Nicht als feststehende Gemeinschaft, eher als ein Ort, zu dem man kommen und wieder gehen kann. Und dies soll auch für Familien sein, die kaum finanzielle Mittel haben….

        Freut mich, dass uns so vieles verbindet. Im Sommer sind wir sehr wahrscheinlich in DE.

        Liebe Grüße!

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